Mein Glück (bevor es die Kinder gab)

„Warum bist du so glücklich?“ fragst du, „hast du nie Angst?“. „Doch“, sage ich „immer“.

In meinem Regal steht ein Glas mit selbstgemachter Kirschmarmelade. Ich öffne es nicht. Weil ich Angst habe. Die Marmelade ist der Geschmack von zu Hause. Von Papa. Papa, der mit mir in Bäume klettert und Kirschen pflückt. Papa, der kocht. Papa, der die Gläser spült und mich die Etiketten beschriften lässt. Papa, der von einem 80 zu 20 Frucht-Zucker-Verhältnis überzeugt ist. Papa, der die beste Marmelade der Welt kocht. Die Kirschmarmelade, die glücklich macht. So lange ich dieses Glas Kirschmarmelade habe, habe ich einen Teil von meinem Vater. Ich kann sie nicht essen. Ich habe Angst ihn zu verlieren.

Ich habe Angst, meine beste Freundin zu verlieren. Angst, Gemeinsamkeiten zu verlieren. Das Lachen ohne Worte. Wenn wir wissen, was wir sagen wollen, ohne es zu tun. Weil wir ohnehin das gleiche denken. Weil wir wissen, was die andere tun würde. Weil wir zusammen gewohnt, gegessen, gefeiert, gelitten und geliebt haben. Unsere Stärken und unsere Schwächen kennen. Manchmal vom anderen mehr als von uns selbst. Aber wir wohnen nicht mehr zusammen. Wir bedauern, seltener zusammen zu essen und zu feiern. Wir freuen uns, weniger zusammen zu leiden und jeder für sich mehr zu lieben. Wir lieben unterschiedliche Menschen und unterschiedliche Dinge und tun unterschiedliche Dinge und immer öfter denken wir auch unterschiedliche Dinge. Wir müssen Dinge aussprechen, weil sie nicht mehr selbstverständlich sind und wie bei anderen Freundschaften auch müssen wir uns kümmern, um unsere Freundschaft. Verabreden, anrufen, investieren. Was früher leicht war, und schön, ist heute immer noch schön, aber nicht leicht. Ich habe Angst, dass wir uns auseinanderentwickeln. Dass nicht mehr blind verstehen dazu führt, dass wir uns gar nicht mehr verstehen. Oder einfach nicht mehr füreinander interessieren.

Ich habe Angst, meinen glücklichen kleinen Bruder zu verlieren. Mein Bruder hat das schönste Lachen der Welt. Ansteckend. Glücksstrotzend. Liebenswert. Ich liebe es, ihn lachen zu sehen. Drei mal habe ich ihn weinen sehen, seit wir erwachsen sind. Ich hätte die Frauen verfluchen wollen. Sein Studium. Und meinen Bruder. Warum muss er sich immer die Falschen suchen? Warum strengt er sich nicht einfach mal an? Warum kann ich ihm nicht helfen, wenn er weint? Das schlimmste Gefühl für mich. Hilflos zusehen. Nicht helfen können. Nun freue ich mich, wenn ich ihn mit seiner Freundin sehe. Wenn er von seinem Job erzählt. Wenn er dabei lacht. Wenn er über mich lacht. Wenn er mich auslacht. Aber Angst habe ich, wenn er lacht. Angst, dass er das Lachen verliert und wieder weint. Ein viertes Mal.

Ich habe Angst, den Morgen zu verlieren. Unseren Morgen. Jeden Morgen. Jeden Morgen, in dem ich erst das als Wecker missbrauchte auf Vibrationsalarm stehende Handy des Nachbarn über uns verfluche und eine Stunde später mein eigenes als Wecker missbrauchtes Handy, das nicht auf dem Holzfußboden liegt. Jeden Morgen, in dem ich müde bin und es kalt ist, an dem ich trotzdem aufstehe, ins Bad gehe und mich fertig mache. An dem ich voller Vorfreude Zähne putze und Haare kämme, um sie gleich wieder zu verknoten. Wenn ich wieder ins Bett gehe. Zu meinem Freund. Wenn er mich verflucht, dafür, dass ich ihn wecke. Und trotzdem seine Decke hebt, um mich drunter zu lassen. Mich aufzuwärmen. Von innen und außen. Da liege ich dann, 20 Minuten. Glücklich. Er brummelt „Schlafräuber“ und drückt mich dabei an sich. In diesen 20 Minuten gehören wir zusammen. Ich habe Angst, dass der Schlaf irgendwann wichtiger ist, als das gemeinsame Ritual. Dass die Decke sich nicht hebt, dass er „Schlafräuber“ sagt und es so meint.

„Du hast Angst zu verlieren, was dich glücklich macht?“ fragst du. „Ja“ antworte ich. „Aber trotzdem bist du glücklich?“. „Ja. Nein. Nicht trotzdem. Deswegen. Die Angst ist nicht bedrohlich. Ich weiß, ich werde vieles verlieren. Aber noch habe ich es. In jedem Moment, der mich daran erinnert, bin ich glücklich darüber“.

Ich bin glücklich, wenn ich selbstgekochte Kirschmarmelade esse. Glücklich, wenn ich meinen Bruder lachen sehe. Glücklich, wenn ich die Wünsche meiner Freundin verstehe. Glücklich, mich 20 Minuten nah zu fühlen.

„Möchtest du wissen, wie mein Glück schmeckt?“ „Ja“. Klack. „Probier mal“.

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