Warum ich mit homophoben AFD-Wählern im Magerwahn befreundet bin.

Ich habe mich immer für sehr tolerant gehalten. Das war auch einfach, in Prenzlauer Berg, wo jeder tolerant ist. Wirklich auf die Probe gestellt wird meine Toleranz , seit ich im Vorort wohne.

Die Kernfrage ist: Wie tolerant sollte man gegenüber Intoleranten sein?

In Prenzlauer Berg ist es Konsens, in einer weltoffenen, umweltfreundlichen Regenbogengesellschaft leben zu wollen. Im Vorort ist es eher Konsens, gegen Flüchtlinge zu sein, weil diese den Wert der Grundstücke vermindern und man seine Kinder nicht mehr allein auf die Straße lassen kann, den Vorgarten ordentlich zu halten und mit dem Auto in die Stadt zu pendeln. Zeitersparnis schlägt CO2-Ersparnis.

Da schrumpft meine Toleranz. Die Menschen hier sind anders als ich und ich finde sie doof. Meine Meinung ist richtig und die sind alle nur rückständig.

Und dann frage ich mich wirklich, ob das nicht auch falsch ist. Und habe keine Antwort darauf.

Meine größte Herausforderung ist die Mutter der besten Freundin meiner Tochter. Eine herzensgute, wirklich nette und sympathische Russlanddeutsche, die als Mutter und „Karrierefrau“ mit ähnlichen Sorgen auf der Arbeitsfront kämpft wie ich, die dieselben Unsicherheiten kennt, wenn es um die Kinder geht, die mir immer wenn wir sie besuchen total leckere internationale vegetarische Gerichte kocht.

Bei unserem ersten Konflikt kannten wir uns noch nicht lange, unsere Töchter waren drei:

„Ich will die Mama sein.“ „Nein, ich will die Mama sein“.

Mein Lösungsvorschlag: „Dann seid doch beide die Mama, solche Familien gibt es doch auch“.

Ihre Meinung: „Ich bin ja gegen homosexuelle Propaganda, weil ich glaube, dass die Kinder dadurch homosexuell werden können“.

Bäm. Ich muss sie angestarrt haben wie einen Alien. Dann habe ich rumgestottert, dass ich nicht glaube, dass Menschen homosexuell werden sondern, dass sie es sind. Aber auch, dass ich mich auch nicht freuen würde, wenn mein Sohn homosexuell wäre, weil es dann unwahrscheinlicher wäre, dass es mit Enkelkindern klappt. Aber wenn er es wäre, dann wäre es halt so. Hauptsache, meine Kinder sind glücklich.

Für diese Aussage habe ich mich hinterher geschämt, weil ich schon die Aussage, „ich würde mich nicht freuen, wenn mein Sohn homosexuell wäre“ total bescheuert finde. Es war in dem Moment aus dem Bauch heraus mein Weg, einen Schritt auf sie zuzugehen. Aber ich würde so etwas nie wieder sagen.

Und obwohl ich diesen Schritt zuviel gegangen bin, war ich mir nicht sicher, ob das nicht das Ende der Freundschaft bedeuten würde. Aber das bedeutete es nicht.

Stattdessen kamen neue Konflikte auf:

„Ich glaube ja schon, dass Putin Recht hat und man in Deutschland nicht seine freie Meinung äußern darf“.

„Muslime sind eine Gefahr für meine Töchter. Aber AFD wählen darf man ja nicht“

„Was denkst du eigentlich, darf man Kindern mal einen Klaps geben?

„Kind, iss nicht so viel, du wirst zu dick“.

Der letzte ist für mich persönlich der gefährlichste Satz. Die anderen Themen kann ich diskutieren, hoffen, dass ich mit meiner Meinung etwas bei ihr bewirke, sicher sein, dass sie an unseren Werten nicht rütteln kann.

Was das Thema „dick sein“ angeht, bewirkt sie aber etwas bei meiner Tochter. Indirekt. Wenn ihre Freundin zu ihr sagt: „Ich bin viel dünner als du“.

Denn auch wenn ich erkläre, dass das egal ist, dass auch meine Tochter schlank ist und vor allem wunderschön, dann merke ich, dass es ihr nicht egal ist. Das hier etwas droht kaputt gemacht zu werden, was ich so wichtig finde: Ein ungezwungener Umgang mit dem eigenen Körper.

Dann werde ich intolerant gegenüber der Meinung, dass schlank sein so verdammt wichtig ist und ich werde wütend. Dann will ich meine Tochter nach Prenzlauer Berg retten.

Aber im Vorort gibt es unseren Garten, der wild ist und wunderbar, genau wie meine Tochter. Das Leben ist kein Ponyhof und die Welt nicht Prenzlauer Berg. Die Freundin ist eine Herausforderung, die wir lösen werden und die meine Tochter hoffentlich stark macht für ähnliche Freundinnen, die noch kommen werden.

Die Mutter hat mir zum letzten Geburtstag ein Kochbuch von Yottam Ottolenghi geschenkt, mit seinem ausgedruckten Lebenslauf und den Worten „Ich fand das ja ganz interessant, er ist ja homosexuell…“

Es war kein Eingeständnis, nicht direkt. Aber indirekt, glaube ich. Das Thema Homosexualität steht nicht mehr zwischen uns. Wir haben nicht wieder darüber gesprochen. Aber für mein Kind ist es eine Selbstverständlichkeit. Und ihr ist die Freundschaft zwischen beiden Kindern immer noch sehr wichtig.

Nein, ich bin nicht tolerant gegenüber den Intoleranten. Aber ich habe die Hoffnung, dass die Auseinandersetzung nicht umsonst ist. Dass sie uns nicht ändern, aber wir hoffentlich sie. Ja, vielleicht hatte sie recht, am Anfang. Vielleicht verbreite ich „Propaganda“. Mein nächstes Thema wird das Thema „Körpergefühl“ sein.

Advertisements

7 Gedanken zu “Warum ich mit homophoben AFD-Wählern im Magerwahn befreundet bin.

  1. unabriocheperdue schreibt:

    Wow, dass ist bestimmt nicht einfach auf solche Aussagen zu kontern. Die meisten meiner Freunde sind glücklicherweise sehr tolerant und offen. Aber ich habe ein paar Kollegen, bei deren Kommentaren mir echt anders wird. Z.B. sagte ein Kollege neulich, dass er innerlich sterben würde, wenn sein Sohn homosexuell wäre und, dass er es lieber hätte er wäre Drogensüchtig, denn das kann man wenigstens heilen. Ich war fassungslos, wie man sowas denken kann! Kann man sein Kind nicht bedingungslos lieben? Das einzige, worauf ich persönlich beharre ist Respekt und Höflichkeit gegenüber anderen, aber auch das steht bei meinem Kollegen nicht an erster Stelle….
    Ich hoffe wirklich sehr und inbrünstig, dass man selbst durch Höflichkeit, Freundlichkeit und Respekt anderen gegenüber ein klein wenig die Welt verbessern kann.
    Herzlichst Joevlin

    Gefällt mir

    • einglueck schreibt:

      Das hoffe ich auch! So sehr!

      Ich nehme an, der Kollege, der das gesagt hat, kennt weder Drogensüchtige noch Homosexuelle.

      Ich kenne einige Drogensüchtige, aber keinen einzigen, der auch nur annähernd glücklich ist. Dagegen sind die meisten Homosexuellen, die ich kenne, genau so glücklich wie meine anderen Freunde.

      Ich kann mir einfach nicht vorstellen, wie jemandem das Glück seiner Kinder nicht das Wichtigste sein kann.

      Gefällt mir

  2. lottesmotterleben schreibt:

    Uff.. Respekt.. Das könnte ich nicht. Ich hab einmal eine Kollegin zur Sau gemacht, weil sie gegen Flüchtlingskinder gehetzt hat. Ich bin da echt geplatzt… Mit Verwandtschaft die rassistische oder homophobe Bemerkungen gemacht hat habe ich den Kontakt abgebrochen..

    Gefällt mir

    • einglueck schreibt:

      Mir fällt es auch unterschiedlich schwer, andere Meinungen auszuhalten. Bei Nataschas Mutter ist es sogar noch relativ einfach, weil hinter all ihren anderen Werten und Vorurteilen nie Hass, Bösartigkeit oder Egoismus steckt, sondern immer nur Angst. Angst um das Glück ihrer Kinder, meist. Und auch wenn unsere Konsequenzen und Schlüsse daraus unterschiedlich ausfallen, diese Angst kann ich zutiefst nachvollziehen.

      Schwieriger ist es für mich z.B. mit einem Ex-Freund, der immer wieder in meiner Facebook-Timeline auftaucht und da Werbung für die FDP macht. Was da gefordert wird ist fast immer ziemlich unsolidarisch mit denen, denen es schlechter geht (z.B. eben denen, die von Fluglärm betroffen sind) – und gleichzeitig schwingt da immer die absolute Gewissheit mit, der richtigen Meinung zu sein.

      Das auszuhalten finde ich viel schwieriger, weil ich mir sicher sein kann, hier mit meinen Argumenten und „positivem Beispiel“ nie etwas auszurichten.

      Trotzdem habe ich bisher dem Versuch widerstanden, ihm „die Freundschaft zu kündigen“ – einfach weil ich es auch wichtig finde zu sehen, was andere denken.

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s