Wie es ist

Es ist ermüdend. Diese anhaltende bleierne Müdigkeit habe ich nicht gekannt, vorher. Ein unsichtbarer Vorhang, der über mir liegt,…

…besonders schwer über den Augenlidern. Nicht abzulegen, über Jahre. Manchmal sichtbar, wenn das Make Up nicht ausreicht um die Schatten zu verdecken. Ausschlafen klingt wie ein Fernreiseziel. Fernreisen sind erstmal nicht drin.

Es ist die Ostsee. Immer und immer wieder. Nicht, dass wir es nicht probiert hätten mit Paris und London. Aber die Ostsee ist freier, ruhiger, rücksichtsvoller. Dir gegenüber, weil sie nicht schubst und keine Hindernisse in den Weg stellt, anderen gegenüber, weil du nicht im Flieger sitzt. Ostsee im Frühling bevor die anderen Touristen da sind. Das Meer rauscht. Die Möwen stehlen ganze Eier.

Es ist Picknick am Strand. Picknick im Park, im Wald und im Botanischen Garten. Mit Bananen, mit Salzstangen, manchmal mit Eis. Du jubelst nicht, wenn du ein Eis bekommst, du versinkst in eine andächtige Stille. Du steckst ganz langsam den Löffel in den großen Ben&Jerrys Topf. Du teilst mit uns. Du passt auf, dass niemand zu wenig bekommt.

Es ist achtsam. Wir achten auf dich und du achtest auf uns. Ein Abschiedskuss für dich, bevor ich zur Arbeit gehe. Eine Aufforderung von dir: „Mama, Papa!“ Dein zufriedenes Lächeln, wenn er auch einen bekommt. Der große stille Blick den wir neben dem kleinen Kuss austauschen. Die absolute Gewissheit.

Es ist reines Glück. Es hat mich immer glücklich gemacht, meinen Eltern eine Freude zu machen. Sie haben sich über Selbstgebasteltes gefreut, über Schokolade, über gemeinsame Reisen. Über nichts haben sie sich so sehr gefreut wie über dich. Jedes Mal, wenn sie dich ansehen, wenn sie dich stolz ihren Freunden vorstellen, wenn Sie dir den Namen jeder Blume erklären.

Es ist voller Entdeckungen. Du entdeckst jede Ameise, jeden Marienkäfer, jede Eisdiele und hilfst mir zu entdecken. Wie schön ziellose Wege sein können, wie gut Beifuß riecht, wie unterschiedlich Hunde bellen, dass der Hahn gar nicht Kikeriki macht, dass der Moment zählt.

Es ist sinnstiftend. Die großen Fragen beantwortest du, ohne etwas zu sagen. Schlechtes wirkt klein in Relation zu etwas so Großartigem wie dir. Laute Nachbarn, fiese Flecken oder intrigante Kollegen können mich nur so lange aufregen, bis du meine Aufmerksamkeit auf etwas Wichtigeres lenkst: Die heiße Sonne, die dicken Hummeln, die schönen Mohnblumen. Du hilfst, in allem das Gute zu sehen. Entbehrungen machen Glück fühlbar.

Es ist entbehrungsreich. Ich vermisse nicht die Clubbesuche, nur selten die Fernreisen und Kinoabende. Ich vermisse manchmal Ruhepausen, manchmal die Freiheit, zu tun und zu lassen, was ich will und manchmal die Selbstverständlichkeit mit manchen Freunden dieselben Interessen zu teilen. Am meisten aber vermisse ich dich. Jedes Mal wenn ich arbeite und dich für ein paar Tage nicht sehe, wird die Sehnsucht unerträglich. Wenn der Termin überzogen wird oder der Zug Verspätung hat, bekomme ich Herzrasen. Und eine komplett irrationale Angst, dich nicht wieder zu sehen.

Es ist furchteinflößend. Mir war nie bewusst, wie viel es wert ist, ohne Furcht zu leben. Ich hatte nie Angst vor Höhen, vor Tiefen, vor Prüfungen, vor Tieren. Bis jetzt. Furcht ist mein neuer Begleiter. Offene Fenster im 6. Stock, zu schnelle Autos in der 30 Zone, offene Tore in der Kita. Offene Worte gegenüber den Verursachern.

Es ist konfliktreicher. Konflikte mit Gefahrenverursachern, mit Miterziehern, mit Chefs, mit dir. Nein. Nein, du darfst nicht auf die Straße rennen, jeden Tag Nutella zum Frühstück essen, die Wände anmalen. Nein.

Es zeigt Grenzen auf. Nicht nur dir. Wo endet meine Konsequenz, wo meine Kraft, wo meine Bereitschaft alles für meinen Job zu tun?

Es ist ein Balanceakt. Aber wenn ich falle, fängst du mich mit kleinen Armen und einem großen Lachen auf.

 


 

Mit diesem Beitrag bewerbe ich mich für den scoyo ELTERN! Blog Award 2017: https://www-de.scoyo.com/eltern/scoyo-lieblinge/eltern-blogs/ELTERN-Blog-Award-2017. Drückt die Daumen.

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4 Gedanken zu “Wie es ist

    • einglueck schreibt:

      Das stimmt! Es ist wirklich unvorstellbar. Ich habe den text geschrieben, weil eine kinderlose Freundin mich gefragt hat „Wie ist es eigentlich Kinder zu haben“. Und so unvorstellbar es ist, so unbeschreiblich (schön) finde ich es auch. Aber ich wollte es zumindest versuchen.

      Gefällt mir

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