Über unglückliche Kinder

Ich habe nicht viele Erwartungen an meine Kinder. Sie müssen nicht Arzt werden oder Eltern, nicht schlank, nicht schön, nicht erfolgreich. Hauptsache, sie sind glücklich.

Und wenn sie es nicht sind?

Als die Kinder noch sehr klein waren, da war auch diese Frage noch sehr klein. Wenn sie geweint haben, habe ich sie in den Arm genommen und getröstet. Und alles war wieder gut.

Aber sie werden größer und es kommt der Moment, in dem eine Umarmung nicht mehr hilft und sie dich wegschubsen, wenn du sie umarmen willst.

Gestern.

Schuld war der Schwimmlehrer. Meine Tochter liebt Wasser und wollte unbedingt das Seepferdchen machen.

Sie startete motiviert, aber wurde zusehends ängstlicher. Während ich mich noch fragte, warum Schwimmlehrer eigentlich immer noch so harsch sind wie vor 25 Jahren und ob das nicht auch anders geht, verlor sie ihren Glauben daran, dass sie das Seepferdchen schaffen kann.

In der vorletzten Stunde bestätigte es der Schwimmlehrer: Das Seepferdchen würde weder sie noch ihre Freundin Natascha (die wir jedes Mal mitnahmen) schaffen, beide würden ein Froschabzeichen bekommen.

Ich wunderte mich nicht, hatte er sie doch bis hierhin nie ohne Schwimmhilfe schwimmen lassen. Insgeheim war ich froh, dass es wenigstens beiden Mädchen so ging. Obwohl Nataschas Eltern einen ganzen Spanien-Urlaub lang mit ihr geübt hatten und sie deshalb eigentlich schwimmen konnte. Aber Natascha sagt sowieso ständig zu meiner Tochter Dinge wie „Ich bin dünner als du“, „Ich habe längere Haare als du“. Da war ich froh, dass nicht noch ein „Ich kann besser schwimmen als du“ dazu kommen würde.

Beide Mädchen fanden sich damit ab, ein Frosch zu werden. Auch wenn das eigentlich nur ein Trostpreis ist, den laut Homepage alle Kinder bekommen würden, die das Seepferdchen nicht schaffen. „Schwimmen können ist wichtiger als ein Abzeichen“, sagte Natascha und in dem Moment verstand ich, warum meine Tochter sie als Freundin gewählt hat.

Dann kam die letzte Stunde. Der Schwimmlehrer ließ die Kinder gleich zu Beginn am Beckenrand aufstellen und ließ sie nacheinander auf die andere Seite schwimmen. Ohne Schwimmhilfe. Zum ersten Mal. Meine Tochter war als sechste dran. Die anderen schafften es, manche ohne Hilfe, manche mit. Meine Tochter fing fürchterlich an zu schluchzen. Sie hatte das noch nie gemacht, sie fühlte sich unter Druck gesetzt, sie hatte Angst zu versagen. Sie versuchte es trotzdem. Aber vor Angst war sie steif wie ein Brett. Der Schwimmlehrer meckerte und zog sie mehr auf die andere Seite, als dass sie selbst schwamm. Ich versuchte sie zu trösten. Er schickte mich raus. Ich blieb, aber ich konnte nicht helfen. Die anderen Kinder schwammen unterschiedlich gut hin und her. Manche konnten es, manche nicht. Natascha schaffte es. Meine  Tochter versuchte es immer wieder, weinte, versuchte es, weinte. Wie sie so da am Beckenrand hing, wenn sie es gerade nicht versuchen sollte, still vor sich hin weinend, das werde ich nie vergessen. Ich konnte es kaum ertragen. Sie versuchte es wieder, der Schwimmlehrer meckerte wieder. Sie weinte. Ich hielt es nicht mehr aus und sagte zu ihr: „Du musst das nicht machen. Wir können einfach gehen“. Sie sagte: „Das geht doch nicht“. Ich: „Doch, das geht“. Sie wollte aber nicht. Sie wollte es schaffen. Sie probierte es weiter, bis zum Schluss. Sie wurde besser, am Ende schaffte sie es wirklich, zumindest ein paar Meter allein zu schwimmen und war stolz auf sich. Ich fragte sie noch: „Und ist es OK, wenn Natascha das Seepferdchen schafft? Kannst du dich für sie freuen?“ Sie überlegte kurz und sagte: „Ja, ich glaube schon, ein bisschen“.

Dann war es vorbei und es wurden die Urkunden verteilt. Natascha bekam das Seepferdchen, wie zwei weitere Kinder. Drei andere bekamen Frosch-Abzeichen. Dann sagte der Schwimmlehrer: „Und die, die jetzt nichts bekommen haben, die müssen noch ein bisschen üben und dann können Sie nochmal wieder kommen und eine Bahn schwimmen und dann bekommen sie auch ein Froschabzeichen“.

Meine Tochter brach weinend zusammen. Sie hatte nichts bekommen, nicht einmal diesen doofen Frosch. „Ich habe mich doch so angestrengt“ sagte sie. „Das stimmt. Und du hast es gut gemacht“, sagte ich: „Du bist alleine geschwommen, zum ersten Mal. Er hätte dir dieses Frosch-Abzeichen geben müssen.“

Aber er hatte es nicht getan. Sie setzte sich auf die Wiese vor dem Schwimmbad und weinte. Ich wollte sie in den Arm nehmen. Aber sie wollte nicht in den Arm genommen werden. Ich konnte ihr nicht helfen. Ich weinte mit ihr.

„Wie soll ich das in der Kita erklären“, flüsterte sie „Da wissen doch alle, dass Natascha und ich einen Schwimmkurs zusammen gemacht haben“. „Na und? Jeder schafft mal was nicht“, sagte ich „es ist normal, dass man nicht nach zehn Stunden das Seepferdchen schafft. Du bist nicht schuld. Wir haben nicht genug mit dir geübt“.

Haben wir wirklich nicht. Es war halt immer was. Familienfeiern, Krankheiten, der normale Alltagswahnsinn. Ich dachte schon, das ist blöd, aber nicht schlimm, dann üben wir halt den Sommer lang, egal, ob sie dann ein Seepferdchen hat oder nicht.

Aber es war nicht egal. Meine Tochter zweifelte an sich. Sie wollte das niemandem erklären müssen. Aber sie versuchte schnell, sich zu beruhigen. Sie kam sogar mit zu Natascha, wo die Mutter sich jubelnd über das Seepferdchen ihrer Tochter freute und meine Tochter wieder in Tränen ausbrach. Die Mutter hatte für meine Tochter ihr Lieblingsessen gekocht, aber die lag eingerollt im Wohnzimmer und weinte. Irgendwann kam sie doch an den Esstisch. Danach spielte sie mit Natascha. Als wäre nichts gewesen.

Auf dem Weg nach Hause sagte ich zu ihr: „Weißt du, was noch wichtiger ist, als dass man schwimmen kann?“. „Nein“. „Dass man mit Niederlagen umgehen kann. Das man bedauert und dann nach vorn schaut. Und das kannst du super. Ich bin so stolz auf dich“.

Ja, das bin ich. Ich denke, das kann sie wirklich. Und das ist wirklich wichtig. Wir haben jetzt einen neuen Plan: Wir gehen jedes Wochenende ins Schwimmbad, bis zu den Sommerferien. Da üben wir schwimmen und rutschen von der Wasserrutsche und essen Pommes und Eis und haben Spaß. Dann macht sie im Urlaub ihr Seepferdchen. Ich bin sicher, sie schafft das.

Ich kann nicht alle Probleme für meine Kinder lösen, ich kann nicht verhindern, dass sie auch mal unglücklich sind. Aber ich kann alles dafür tun, dass sie lernen, das Beste daraus zu machen, wenn etwas schief geht und dass sie mit sich zufrieden sind, auch wenn sie nicht alles sofort schaffen.

Vielleicht trägt das ja dazu bei, dass sie glücklich sind. Fast immer.

—-

Und diese verhassten Schwimmkurs-Anbieter haben eine gepfefferte lange E-Mail von mir bekommen, damit sie alles dafür tun, dass nicht nochmal ein Kind so leiden muss, wie meines.

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5 Gedanken zu “Über unglückliche Kinder

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