Kind und Karriere. Meine Vereinbarkeitsgeschichte.

Man liest häufig, wie schwer es ist mit der Vereinbarkeit. Man liest von Forderungen und  Alltagsproblemen. Relativ selten aber findet man konkrete Geschichten: Was ist schief gelaufen in der Karriere? Liegt es an den Kindern, an den Firmen, an den plötzlich anderen Prioritäten von Müttern?

Die gibt es ohne Frage. Wenn ein Kind da ist, ist die Karriere wahrscheinlich für die wenigsten Frauen mehr das Wichtigste im Leben. Aber das ist doch bei Männern genauso: Ich kenne heute keinen Mann mehr, der seinen Job über seine Familie stellen würde. Aber haben Männer deshalb so mit der Vereinbarkeit zu kämpfen wie Frauen? Und was sind eigentlich die konkreten Gründe? Ich kenne da ein paar. Deshalb schreibe ich meine Geschichte hier auf.

Die fängt vor 10 Jahren an. Damals war ich noch so naiv zu denken: Wenn man was kann, dann macht man Karriere, Geschlecht ist dabei egal.

Hat auch geklappt, damals vor 10 Jahren. Noch vor Studienabschluss den ersten Job, der ein Alptraum war, aber im Anschluss fand ich den Traumjob. Im Vertrieb, was ja nicht jedermanns Sache ist, aber meine war es. Mir hat das echt Spaß gemacht: Kunden tolle Produkte vorstellen, viel reisen, viel positives Feedback.

Nach zwei Jahren war der Job dann sogar unbefristet. Und ich habe mir gedacht: Es macht Spaß, aber es bewegt sich nichts. Dann ist jetzt doch ein guter Moment, die Pille abzusetzen. Ich hatte schon zu oft von Frauen gehört, bei denen es mit dem Kinderwunsch nicht geklappt hat oder erst spät und mit Mühen. Kinder waren mir wichtig.

Kurze Zeit später kündigte der Vertriebsleiter. Ich bekam die Stelle angeboten und sagte zu, forderte aber deutlich mehr Gehalt. Sicherheitshalber machte ich einen Schwangerschaftstest, zum Glück negativ. Ich nahm die Pille wieder, hatte aber mit der doppelten Hormonumstellung zu kämpfen. Meine Tage waren extrem unregelmäßig. Ich nahm zu. Als ich auf einer Veranstaltung umkippte und ein Kollege fragte, ob ich schwanger sei, machte ich noch einen Test. Wieder negativ. Meine Gehaltsverhandlungen zogen sich zu diesem Zeitpunkt seit drei Monaten hin.

Ich machte einen Termin beim Frauenarzt. An dem Tag, als dieser anstand, fand ich morgens auf dem Schreibtisch den unterschriebenen neuen Vertrag. Nachmittags bestätigte mir der Arzt die Schwangerschaft. Im fünften Monat. Tests können sich irren und Blutungen trotzdem auftreten, lernte ich.

Der CEO nahm es recht gelassen. Dachte ich. Ich leitete noch ein paar Monate den Vertrieb, arbeitete die neue Kollegin, die ich eingestellt hatte, gleich als Stellvertreterin ein und ging mit dem Gefühl in Elternzeit, dass der Job mit Baby wahrscheinlich anspruchsvoll wäre, aber machbar.

Ich bekam nie die Chance, es zu beweisen. Ich erfuhr über Facebook, dass meine Stellvertreterin die neue Leiterin war. Der CEO drückte mich am Telefon weg und beantwortete keine Mails. Später erfuhr ich, dass er meine Schwangerschaft persönlich nahm.

An dieser Stelle glaube ich, lässt sich meine Geschichte auf viele andere übertragen: Schwangerschaften ihrer Mitarbeiterinnen sehen immer noch viele Chefs als persönlichen Affront. „Kaum ist die entfristet, wird die schwanger“ oder „Die hält ihre Schwangerschaft so lange geheim, bis sie den neuen Vertrag hat“.

Ja. Na und? Man wird nicht schwanger, weil meinen Chef ärgern oder eine Situation ausnutzen will. Man wird schwanger, weil man sich Kinder wünscht. Und selbst wenn ich meine Schwangerschaft absichtlich geheim gehalten hätte, bis ich den neuen Vertrag hatte (was ja nicht so war, daher die langen Ausführungen vorher): Wäre das wirklich verwerflich gewesen? Denn wenn sie mir den Vertrag trotz Schwangerschaft hätten geben wollen: Dann hätte es doch keine Rolle gespielt, oder? Wenn sie ihn mir nicht hätten geben wollen: Wären dann nicht sie die Idioten? Kann man beleidigt sein, weil man nicht die Chance bekommt, eine Frau aufgrund ihrer Schwangerschaft nicht zu befördern?

Bei mir hat es jedenfalls das vorher gute Verhältnis zum CEO ruiniert. Weil er es als Vertrauensbruch gewertet hat. Auch wenn er dazu aus meiner Sicht keinen Grund hatte: Damit waren auch meine Aussichten, es in dieser Firma noch zu etwas zu bringen ziemlich ruiniert.

Nach 12 Monaten kam ich trotzdem zurück, denn mir war klar: Mit Baby etwas Neues suchen wäre auch nicht einfach – und wenn dann, würde ich ganz sicher schlechtere Konditionen bekommen. Immerhin hatte ich gerade ein ordentliches Gehalt verhandelt.

Weil ich gesetzlichen Anspruch auf eine leitende Position hatte, wurde ich Marketingleiterin. Ohne ein Team, ohne Befugnisse, ohne wirklich ein Teil der Leitungsebene zu sein. Aber mit gutem Gehalt.

Es war ätzend am Anfang, aber wurde irgendwann gut, als ein neuer CEO und ein neuer Vertriebsleiter kamen. Ich hatte meinen Freiraum und nutzte den.

Ich bekam ein zweites Kind. Auch das lief nicht ganz reibungslos, aber OK. Danach kehrte ich auf die Stelle als „Marketingleiterin“ zurück.

Als wieder einmal ein Vertriebsleiter ausgetauscht werden sollte, wurde ich vom aktuellen CEO gefragt, ob ich die Stelle wieder haben will. Zwei Wochen später zog er die Frage mit der Begründung zurück, meine Kinder seien zu oft krank geworden. Zu diesem Zeitpunkt das erste Mal seit ihrer Geburt (ein paar Jahre zuvor) zwei Tage am Stück. Insgesamt waren es da 5 Krankheitstage bei 2 Kindern auf 12 Monate.

Stattdessen wurde ein neuer Vertriebsleiter gesucht und ich diesem unterstellt. Obwohl ich ja offiziell eine gleichrangige Position hatte und vorher der CEO mein direkter Vorgesetzter war. Ich war angepisst, aber immerhin hatte der neue Vertriebsleiter selbst Kinder – und kümmerte sich um diese. Seine Kinderkrankheitstage konnten mit meinen mithalten. Ich sah, wie er deshalb mit dem CEO, der inzwischen für uns zuständig war, kämpfte. Oft und viel. Ich beneidete ihn nicht. Als es im Mitarbeitergespräch mit dem neuen CEO um meine Perspektiven ging, sagte ich dennoch, dass ich mich eigentlich auf der Position des Vertriebsleiters sehe, weil eben Vertrieb mein Ding ist, nicht Marketing. Also wenn es mal wieder einen Wechsel geben sollte, wollte ich gefragt werden. Er bestätigte das.

Letzte Woche hat unser Vertriebsleiter gekündigt. Weil er den Job nicht mit seiner Familie vereinbaren kann. Ein Held, der Mann. Und ein Beleg dafür: Auch Männer haben mit Vereinbarkeit zu kämpfen, wenn sie sie ernst nehmen.

Heute haben wir mit dem CEO zusammengesessen, der die Kündigung bedauert hat und gesagt hat, er hätte es ja sogar möglich gemacht, dass der Vertriebsleiter auf 30 Stunden reduziert. Aber dann sagte er, wir müssen nach vorne gucken, wir schalten schnell eine Stellenanzeige, weil intern haben wir ja niemanden, der das machen kann, die meisten sind zu kurz dabei und ich arbeite ja nur 30 Stunden.

Er hat es also geschafft, innerhalb von wenigen Sätzen erst zu sagen, dass der bisherige Vertriebsleiter (ein Mann) den Job auch in 30 Stunden machen könnte, wohingegen ich (eine Frau) das nicht kann. Obwohl ich das Unternehmen besser kenne, als die gesamte Führungsetage, die Firma Kunden gegenüber vertrete, Vorträge über sie halte.

Und da komme ich zum zweiten Punkt, der sich glaube ich auch auf  viele andere Frauen übertragen lässt: Gerade Chefs der „alten Schule“ können sich gedanklich vielleicht irgendwie bewegen, wenn es darum geht, dass Männer auch ein echter Teil ihrer Familie sein wollen (obwohl ihnen das schwer genug fällt), aber an den Gedanken, dass Mütter einen Leitungsjob richtig ausüben können und wollen, gewöhnen sie sich nicht.

Ich weiß gar nicht, ob ich diese Position jetzt gerade gewollt hätte. Aber ich hätte gefragt werden wollen. Aus Respekt gegenüber meiner Arbeit.

Die ich dann wohl woanders machen muss.

Zwischendurch hatte ich schon einmal eine Phase, in der ich mich umgeguckt habe und gleich zwei spannende Jobs gefunden hatte, die ich bekommen hätte, wenn ich nur bereit gewesen wäre, mehr als 30 Stunden zu arbeiten. War ich nicht. Und bin ich immer noch nicht.

Weil meine Nachmittage so schön sind, mit den Kindern, selbst wenn wir Schwimmkurse oder den Supermarkt besuchen. Weil ich glaube, dass die gemeinsame Zeit und der gemeinsame Alltag wichtig für uns sind. Weil Karriere halt nur das zweitwichtigste ist, die paar Jahre, bis die Kinder groß sind.  Weil ich glaube, nein weiß, dass man das Wichtigste auf der Arbeit auch in 30 Stunden schaffen kann.

Keine Ahnung, ob es diesmal klappt, einen Job mit Verantwortung bei nur 30 Stunden Arbeitszeit zu finden.

Im Zweifel nehme ich einen ohne Verantwortung. Aber Respekt hätte ich gern. Ich bin nämlich immer noch überzeugt davon, dass ich echt gute Arbeit mache – aber wenn das nie jemand wahrnimmt, weiß ich nicht, wie lange ich diese Überzeugung noch behalte.

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5 Gedanken zu “Kind und Karriere. Meine Vereinbarkeitsgeschichte.

  1. Frau Traumenit schreibt:

    Ich kann da beide Seiten immer ein wenig nachvollziehen, ich glaube am Ende ist das Problem, dass nicht mehr der Einzelfall gesehen wird, sondern „die Chefs“, „die Frauen“, „die Väter“ und deswegen Vorurteile entstehen – in diesem Fall gegen Mütter. Als Familie hat man natürlich eine eingeschränkte Wahl, aber ich hab mich immer gefragt „Möchte ich dort arbeiten, wo so eine Denke herrscht?“ Ist auch der Grund, warum ich mich nie irgendwo bewerben würde, wo man durch ein AC muss.

    Teilzeit ist ja noch einmal ein ganz anderes Thema. In DE herrscht ja dieser Irrglaube des „Viele-Stunden bringen Qualität!“ Also, nicht aufgeben und unterkriegen lassen!

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    • einglueck schreibt:

      Danke.

      Ich verstehe „die Gegenseite“ auch. Es würde mich auch nerven, wenn ich jemanden gerade für neue Aufgaben einplane und der fällt dann aus. Ist blöd.

      Aber schwanger wird man eben nicht um andere zu nerven oder zu ärgern. Wenn man eine „richtige Karriere“ hat, in der man sich weiter entwickelt, gibt es den „richtigen Moment“, wo die Schwangerschaft gerade niemanden belastet, einfach nicht.

      Aber die Lösung kann ja eben nicht sein, dass Frauen sich zwischen Kind und Karriere entscheiden müssen.

      Klar muss jeder Fall eigentlich einzeln betrachtet werden. Und dann wiederum: es sind keine Einzelfälle. Mütter werden systematisch benachteiligt, eben weil es zum Beispiel „die Chefs“ gibt, die zwar alle unterschiedlich sind, die in meinem Beispiel aber eint, dass ihre Kinder (sofern sie welche haben) groß sind und sie als Vater kaum Zeit investiert haben, weil die Mütter sich gekümmert haben. Da fällt es schwer, die Bedürfnisse moderner Familien wirklich zu verstehen.

      Ich denke, Vorurteile sollte man reflektieren. Meist ist ja etwas dran. Aber wenn man versteht, warum „die Mütter“ oder „die Chefs“ handeln, wie sie es tun, kann man vielleicht auch einen gemeinsamen Weg finden.

      Übrigens ein Grund, warum ich es so lange in dieser Firma ausgehalten habe. Weil ich an den gemeinsamen Weg noch geglaubt habe. Es sind nämlich eigentlich alle sehr nett. Und das meine ich so. „Die Chefs“ denken halt nur, dass es für Mütter am Besten ist, möglichst viel Zeit mit ihren Kinder zu verbringen. Was teilweise stimmt. Aber eben etwas kurz gedacht ist…

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  2. Inga schreibt:

    Danke, dass du deine Geschichte mit uns teilst – du hast meinen größten Respekt dafür, wie du „deinen Mann stehst“ 😄 Ist nicht allein die Wortwahl solcher Redewendungen bezeichnend? Im Ernst, ich finde es toll, wie du dich durchgekämpft hast und dich nicht verbiegen lässt. Ein Satz noch zu meiner Erfahrung: Chefinnen können noch schlimmer sein. Meine Schwangerschaft wurde auch ganz ohne Beförderung von gleich zwei Chefinnen als Affront gesehen. Grund: Man könne doch erwarten, dass ich erst mit 40 Kinder kriege oder wenn es schon früher sein muss, dann ein Kindermädchen einstelle und nach acht Wochen wieder Vollzeit arbeite. Eine von beiden hat das selbst umgesetzt – wohl damit sie immer darauf verweisen können. Aber das habe ich nicht mehr miterlebt, mich haben sie erfolgreich rausgemobbt, weil ich nicht bereit war so zu tun als wären mir meine Kinder egal.

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    • einglueck schreibt:

      Vielen Dank!

      Wenn man die eigenen negativen Erfahrungen aufschreibt, dann macht man sich damit ja auch ein bisschen verletzbar und angreifbar. Wenn dann wenig Reaktionen kommen, kommt auch der Gedanke „halten mich alle für bekloppt und keiner traut sich, es zu sagen?“

      Insofern tut es sehr gut, von dir zu lesen, dass das nicht so ist.

      Ich habe selbst keine Erfahrung mit Chefinnen, habe aber von Freundinnen schon ähnliches gehört, wie du es beschreibst. Das geht dann in die Richtung „ich hatte es so schwer, warum sollten es andere einfacher haben“, oder?

      Leider hilft das niemandem – ich hoffe, du hast jetzt etwas besseres gefunden?

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