Über Unsportlichkeit – und Talente

Ich war ein unsportliches Kind. Und ein sehr unsportlicher Teenie, mit wechselnden Kilos zuviel.

Jetzt habe ich selbst Kinder und will ihnen das gern ersparen; die Angst vorm Sportunterricht, das Gefühl hässlich zu sein und nicht gut genug.

Meine Tochter ist immer viel gerannt, geklettert, geturnt, ich dachte: Ach, das wird schon. Ganz von allein. Die ist sportlich.

Bis sie aus der Kita kam und traurig war, dass alle anderen schneller sind als sie und höher springen können. Was wohl vor allem daran liegt, dass sie kleiner ist. Aber eben nicht nur, die anderen besuchten spätestens mit fünf Jahren alle irgendwelch Kurse und trainierten, oft jeden Nachmittag etwas anderes.

Da dachte ich, gut, dann muss sie auch einen Sport finden, der ihr Spaß macht. Ich bin eigentlich eher Gegner von zu viel Nachmittagsbespaßung und denke, im Garten klettern ist genauso gut. Aber sie wollte es dann auch. Vielleicht vor allem wegen der Freundinnen.

Sie wollte turnen. Aber beim Kinderturnen standen wir so lange auf der Warteliste, bis sie zu groß für den ersten Kurs war.

Also probierten wir Reiten. Meine Tochter mag Pferde. Aber ein richtiger Sport ist das nicht, gerade wenn die Kinder noch klein sind, sitzen sie eigentlich nur auf den Ponys und lassen sich bewegen. Meine Tochter langweilte sich, wollte aber dabei bleiben, weil ihre Freundin Natascha auch reitet. Es schien mir mehr eine Sache des „Kita-Status“ zu sein als wirklich Spaß zu machen. Als die Preise sich auf 80€/Monat erhöhten sagte ich meiner Tochter, dass wir uns das nicht leisten können beziehungsweise nicht wollen, wenn sie nicht einmal richtig Spaß daran hat.

Sie schien mehr erleichtert als enttäuscht zu sein. Ich meldete sie ab. Es war OK, aber ich merkte, wie traurig sie war, wenn Natascha ihre neuen Reitstiefel vorführte und dass sie plötzlich keine Pferde mehr auf ihren T-Shirts haben wollte. Wir sprachen viel darüber und ich versicherte ihr immer wieder: Wenn es ihr Herzenswunsch ist, zu reiten, dann finden wir doch einen Weg. Aber ein richtiger Herzenswunsch war es eben nicht. Wir verabredeten, dass sie Voltigieren ausprobieren würde und ich setzte sie dort auf die Warteliste.

In der Zwischenzeit probierten wir Tanzen. Sie war immer einen Schritt langsamer als der Rhythmus und die anderen Kinder. Sie mochte es nicht.

Natascha begann einen leistungsorientierten Turnkurs. Mehrfach in der Woche zwei Stunden. Meine Tochter wollte es auch probieren. Aber leistungsorientiert, mehrfach die Woche. Das klang einfach zu wenig nach glücklicher Kindheit für mich. Zum Glück erledigte sich das Interesse, während meine Tochter noch auf der Warteliste stand. Stattdessen bekam sie einen Platz in einem Sportkurs, in dem es möglich war, verschiedene Sportarten auszuprobieren. „Super“ dachte ich. Meine Tochter auch, die ersten paar Mal. Dann merkte sie, dass sie wieder langsamer war und den Ball schlechter fing und wollte nicht mehr hingehen.

So langsam merkte ich, dass „sportlich“ wohl auch relativ ist. Und ich erinnerte mich, dass ich als Kind auch gern gerannt und geklettert war. Bis ich „richtigen Sport“ machen musste. Wahrscheinlich kam meine Abneigung gegen Sport mit dem Gefühl, nicht gut genug zu sein. Ich bekam Angst, dass es meiner Tochter genauso gehen könnte.

Dann kam der Schwimmkurs. Die Hölle. Und mit ihm endgültig das Gefühl, zu versagen. Für uns beide.

Langsam wollte ich keine Sportkurse mehr für mein Kind. Aber sie wollte.

Es kam der Probetermin fürs Voltigieren. Probetermin hieß hier nicht nur, „gefällt das Voltigieren meiner Tochter“ sondern auch „Ist meine Tochter gut genug fürs Team“? Auch hier „leistungsorientiert“, aber immerhin mit Pferd. Meine Tochter fieberte dem Termin entgegen. War aufgeregt, bekam Heulanfälle bei der Auswahl der richtigen Kleidung. Ging am ersehnten Tag heulend aus dem Haus, mit ihrem Teddy im Arm, mit dem sie sich beruhigen wollte.

So stand sie dann im Stall. Einen Kopf kleiner als alle anderen, mit Teddy im Arm. Sie durfte das Pferd nicht mit vorbereiten, weil wir keine festen Schuhe dabei hatten. Nur die Ballettschuhe hatten wir besorgt.

Die zog sie dann in der Halle an. Und weinte wieder. Weil mit Ballettschuhen durch Sand laufen einfach blöd ist.

„Das wird nichts“ merkte ich und sagte es ihr „Die nehmen dich nicht, wenn du die ganze Zeit nur weinst“. Weil ich nicht wusste, was ich sonst sagen sollte. Dann fühlte ich mich blöd, weil ich den Druck noch weiter steigerte. Aber sie riss sich zusammen. Und dann ging es richtig los.

Die anderen Kinder machten es vor. Nur mit der Hilfe eines anderen Kindes aufs laufende Pferd kommen. Auf dem Pferd sitzen, freihändig. Knien, liegen, Beine hoch, überkreuzen, seitlich, vom Pferd springen. Das Pferd war ganz schön groß. Nicht alle trauten sich freihändig zu reiten und runter zu springen. Aber alle kamen alleine hoch.

Sollte sie das etwas auch versuchen? Alleine? So klein. Wie sollte das gehen?

Aber sie schaffte es aufs Pferd. Ich war überrascht. Dass sie so viel Kraft in den Armen hat! Dann ließ sie los. Freihändig. Dann kniend. „Traust du dich, vom Pferd zu springen?“ fragte die Trainerin. Sie nickte. Und sprang. So viel Kraft und so viel Mut. Mein Kind. Sie strahlte.

Die anderen waren dran. Dann wieder sie. Wieder auf dem Pferd. Liegend. Rückwärts. Beine hoch. Und wieder runter. Furchtlos. Das Strahlen jetzt über dem ganzen Gesicht.

Sie hielt mit bis zum Schluss. „Traust du dich eine Rolle rückwärts vom Pferd?“ Sie schüttelt den Kopf. Springt ohne Rolle runter. Das wäre jetzt auch zu viel gewesen. Aber dann probiert sie es doch. Rolle rückwärts. Vom Pferd. Ich bin sprachlos. So glücklich. Wie sie.

Mein Kind hat ein Talent. Und wir haben es gefunden. Es war nur die erste Stunde, nur der erste Versuch. Aber es war so unfassbar, dass mir fast die Tränen kommen, wenn ich daran denke.

Sie darf weiter machen. Sogar in der Gruppe, obwohl sie eigentlich zu den Kleineren sollte. Sie darf mit Pferden trainieren. Sie darf turnen. Sie darf das Gefühl haben, in etwas gut zu sein.

Ich war selten so erleichtert und dankbar.

Was ich damit sagen will?

Ich glaube wirklich daran, dass jedes Kind ein Talent hat, das nur gefunden werden will. Und ich glaube daran, dass man nachmittags nur das machen sollte, was die Kinder wirklich unbedingt wollen. Von sich aus.

Wie seht ihr das? Macht es Sinn, so viel auszuprobieren? Sollte man Kinder nachmittags auch Sachen machen lassen, denen sie nicht entgegen fiebern? Oder ist freie Zeit mehr wert? Das würde mich wirklich interessieren.


 

Update nach einem halben Jahr:

Es sind nur 6 Monate, in denen meine Tochter nun voltigiert. Aber schon nach so kurzer Zeit ist es der Grund, warum sie sich trotz des schwierigen Schulstarts am Sonntag schon auf Montag freut. Der Grund, warum sie erträgt, dass inzwischen alle ihre Schulfreundinnen beim leistungsorientierten Turnen (4x in der Woche) sind, nur sie nicht. Das Voltigieren ist der Grund, warum sie glaubt, echte Freundinnen in unserem Ort zu haben, der Grund, dass sie auf etwas stolz ist. Es gibt kaum etwas, was mich im vergangenen Jahr so glücklich gemacht hat, wie die Tatsache, dass mein Kind dieses Sport und mit ihm tolle Menschen gefunden hat.

 

 

 

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