Über Ordnung

„Mama, wollen wir zusammen ein dsch machen?“
„Nein, Sohn, ich will aufräumen“
„Aber Mama, du willst gar nicht aufräumen“.

Wo er Recht hat, hat er Recht. Ich mochte Aufräumen noch nie und kann dem mit zwei kleinen Kindern noch weniger abgewinnen. Ich fühle mich wie Sisyphos, der den Stein den Berg hochrollt. Und kurz bevor er oben ist, zerfällt er in eine Wolke aus Bauklötzen, Duplo-Steinen, Spielzeug-Autos und Schleich-Tieren, plus ganz viel Sand und Krümeln und setzt sich als neues Chaos wieder zusammen.

Normal halt. Findet mein Sohn.

„Kinder, warum sieht es hier schon wieder so aus? Ich habe gestern alles aufgeräumt und gestaubsaugt!“
„Na, weil wir spielen. Weil du Kinder wolltest. Deswegen sieht es hier immer so aus.“

Er ist vier Jahre alt. Aber an Weisheit kaum zu überbieten.

Ich könnte das Chaos also einfach akzeptieren. Tue das sogar meistens. Denn wenn das Ziel „Ordnung“ ein Berg ist, dann müsste ich den Stein unablässig in Bewegung halten, um ihn irgendwie ans Ziel zu bringen. Also immerzu aufräumen. Und putzen. Und Rasen mähen. Und und und.

Weil ich aber eben auch arbeite und auch mal mit meinen Kindern ein Dsch machen will (den Ausgang aus einem Labyrinth finden) oder ein Eis essen oder mich über Gott und die Welt unterhalten oder zusammen Bilder malen und weil ich die halbe Stunde, die sie vor mir schlafen gehen, nicht mit dem Putzschwamm in der Hand sondern mit meinem Mann auf der Couch verbringen will, und und und … deswegen ist das Ziel eigentlich unerreichbar.

Und das ist OK. Eigentlich. Wäre da nicht die Sache mit dem Kontext. Also die Tatsache, dass es bei quasi all unsere Bekannten in unserem Vorort immer sauber und ordentlich ist, wenn wir da sind.

Ich freue mich wirklich, wenn wir irgendwo zu Besuch sind und es liegt etwas rum. Die Schultasche von der großen Tochter, einfach in die Ecke gefläzt: Super! Spielzeug auf dem Fußboden: noch besser! Eine Näh-Ecke mit Stoffresten in der Küche: Grandios! Ein unaufgeräumter Wohnzimmertisch oder sogar Spinnenweben in der Zimmerecke: Ich komme wieder.

Denn wer mich so empfängt, der wird sich hoffentlich auch bei uns nicht unwohl fühlen. Oder mich für eine dreckige Rabenmutter halten. Also dreckig im wahrsten Sinne des Wortes.

Mich stört ja Dreck nicht. Ich gehöre eher zu denen, die glauben, dass zu viel Hygiene schlecht ist. Allergien und so. Meine kerngesunden Kinder sprechen dafür, sind statistisch aber natürlich kein Beleg. Trotzdem: Hygiene-Spray gibt’s bei mir nicht. Was natürlich nicht heißt, dass ich es frisch gewischt nicht auch schöner finde. Doch echt. Aber es ist halt alles eine Frage der Balance. Zuviel anderes zu tun, dann bleibt der Boden eine Weile ungewischt. Im Zweifelsfall stört es meinen Mann dann vor mir und ich komm ums Wischen ganz herum.

Aber wenn Besuch kommt, bei dem zuhause ich noch nie Spinnenweben oder eine hingefläzte Tasche entdecken durfte, dann räume ich auch auf. So richtig. Mit Wischen und allem. Dann freue ich mich auch über das Ergebnis, auch wenn nicht nur das geschafft ist, sondern auch ich es bin.

Und ich freue mich besonders, wenn dann die Sonne scheint. Und wir den Besuch im Garten empfangen. Und kein Mensch auch nur einen Blick auf das aufgeräumte Haus wirft. Denn wie meine Tochter sagt:
„Mama, wenn es heute nicht regnet und wir heute draußen sein können, dann ist es ja heute Abend immer noch ordentlich!“

Dann freue ich mich darüber, den Stein so mühelos zu balancieren. Und lade für den nächsten Tag gleich nochmal Gäste ein.


 

Und bei euch? Immer ordentlich und sauber? Wie schafft ihr das? Wie findet ihr es, wenn ihr irgendwo hin kommt und es ist ein bisschen chaotisch?

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2 Gedanken zu “Über Ordnung

  1. Frau Traumenit schreibt:

    Bei mir daheim war es immer ZU ordentlich und sauber, was als Kind wenig Spaß gemacht hat. Deswegen finde ich deine EInstellung weitaus angenehmer. Die Menschen fühlen sich ja nicht wegen blanker Böden wohl, sondern weil man ihnen zuhört oder was schönes zu essen macht.

    Gefällt 1 Person

  2. Diana schreibt:

    …habe eben deinen Blog entdeckt…und musste bei deinem Beitrag echt grinsen. Als mein Sohn noch im Kita-Alter war, habe ich auch noch versucht, das Chaos zu beseitigen. Jetzt kommt er in die dritte Klasse, und ich habe aufgegeben. Ja, auf unserem Esstisch liegt an einem Ende immer ein Stapel Bücher oder Nachrichten aus der Schule oder oder oder. Ja, in unserem Wohnzimmer gibt es eine Ecke, da ist das Sideboard voller Aufkleber, der Boden voller Dinosaurier, Minions-Figuren (Danke, Rewe!) und Spielzeugautos. Und ja, bevor ich in das Zimmer meines Sohnes gehe, muss ich mich erstmal innerlich wappnen…ist halt so. Irgendwann werde ich die Unordnung bestimmt vermissen 😉

    Gefällt 1 Person

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