Über Lippenbläschen (und Reframing)

Lippenbläschen. Klingt gar nicht so schlimm. Dabei waren sie wirklich einige Jahre meines Lebens mein schlimmster Alptraum. Ich weiß nicht, wann es angefangen hat. Aber ich weiß, dass diese Lippenbläschen jede Unsicherheit meiner Pubertät ins Unermessliche gesteigert haben.

Meine Mutter hatte auch oft Herpes Simplex (was schon weniger nett klingt als Lippenbläschen, aber immer noch zu nett) und fühlte sich dann unwohl und war schlecht drauf. Man merkte ihr die Bläschen an, bevor man sie sah. Unbewusst habe ich mich wohl an ihr orientiert, was mein Verhalten anging. Und ich habe es ihr vorgeworfen, in Gedanken: Wie kann man Kinder in die Welt setzen, wenn man Herpes hat und das Risiko besteht, sie anzustecken? Ja, das habe ich wirklich gedacht. So schlimm kam mir mein Leben vor, dass ich es in Frage stellte.

Weil mich der Herpes unglücklich machte. Und zum Außenseiter. Es reichte, wenn andere Kinder ein Getränk nicht teilen wollten und dabei sagten „Iih, dann bekommt man Herpes“, auch wenn ich gar nicht gemeint war. Noch schlimmer war es, wenn ich gemeint war. Ich weiß heute noch, als wäre es gestern, wie eine entsetzte Mitschülerin zu mir sagte „Mit so etwas würde ich doch nicht in die Schule kommen!“

Ich fühlte mich so zurückgewiesen und eklig. Das Gefühl ist sofort wieder da, wenn ich an den Satz denke. Obwohl ich heute vermute, dass sie tatsächlich nur meinte, dass ich doch hätte zu Hause bleiben können. Sie war ziemlich oft krank – vielleicht hatte sie einfach Herpes. Auf die Idee bin ich damals aber nicht gekommen. Zuhause geblieben wäre ich nie. Ich war eine ehrgeizige Schülerin. Unterricht verpassen wegen Lippenbläschen? Wäre mir wirklich nicht in den Sinn gekommen.

Auch sonst war „kneifen“ nie eine Option. Ein Auftritt stand bevor? Mit der Aufregung kam ganz sicher der Herpes. Aber ich zog es durch. Ein Date mit einem Schwarm? Ich kann mich vor meinem 18. Geburtstag an kein einziges Date ohne Herpes erinnern.

Es war furchtbar. Wenn eine Verabredung mit jemandem, den ich toll fand, anstand, bekam ich sofort Angst, dass ich Herpes bekommen könnte, was mich so sehr stresste, dass ich ganz sicher Herpes bekam. Einen Tag vorm Date kribbelte die Lippe. Ich versuchte es mit Salben und Teebaumöl und allen Tipps, die ich von irgendwoher bekam, die teilweise echt eklig waren, die es aber alle nicht besser machten. Am nächsten Tag war meine Lippe eitrig und gelb und krustig und ich versuchte das Ganze mit Tonnen von Make Up zu vertuschen, was nie gelang, denn unter dem Make Up war der Eiter und der wollte raus. Flüssigkeiten schaffen es bekanntlich immer, einen Weg zu finden. Der Eiter färbte die zehn Lagen Puder dunkel. Ich muss echt schlimm ausgesehen haben.

Natürlich wollte ich dann nicht, dass mein Schwarm das sieht. Aber auf die Idee abzusagen kam ich trotzdem nicht. Sondern ich versuchte immer, mein Gesicht halb vom Jungen meiner Träume abzuwenden. Ich guckte ihn nicht an, weil es mir unangenehm war. Ich nuschelte vor mich hin, weil die Lippe schmerzte, wenn ich richtig redete und ich nur dachte „wie sieht das jetzt aus?“.

Schonmal jemand versucht zu flirten, so?

Vielleicht hatte ich deshalb meinen ersten Freund erst, als ich volljährig war. Es war jemand, der mich nie wirklich nervös gemacht hatte, sondern den ich einfach nett fand. Keine Nervosität = kein Herpes. So einfach war das. Nur ein Rezept für eine Beziehung ist das eigentlich nicht.

Danach wurde es aber besser. Wahrscheinlich, weil die Angst kleiner wurde. Herpes bekam ich immer noch, aber es ging nicht mehr die Welt unter.

Obwohl ich einmal wirklich entstellt war. Eine wilde Knutscherei mit einem bartstoppeligen Matrosen. Meine Lippen waren so strapaziert, dass ich den Herpes in der gesamten unteren Gesichtshälfte bekam, inklusive Fieber und Schüttelfrost. Ich konnte nur noch mit einem Strohhalm trinken. Das erste und einzige Mal, dass ich wegen Herpes nicht in die Schule ging.

Dann war die Schule vorbei und mit der Schulzeit auch die schlimmste Herpeszeit. In der Uni lernte ich dann Sarah kennen. Die schönste Frau der Welt. Und auch wenn es manchmal schwierig ist, mit jemandem befreundet zu sein, der schöner ist als man selbst (ja, es gab die Männer, die mich nur ansprachen, um an sie heranzukommen) und auch noch klüger (ich war es nicht gewohnt, dass jemand bessere Noten hat als ich – aber Sarah war noch ehrgeiziger als ich), Sarah war so nett, dass sie trotzdem meine Freundin wurde.

Was vielleicht dazu beigetragen hat, war Herpes. Das Gefühl, einen gemeinsamen Feind zu kennen. Auch Sarah hatte manchmal Herpes. An ihr sah ich, wie man auch damit umgehen kann. Als wäre es nichts. Creme drauf und fertig. Mit den Leuten reden, als wäre alles wie immer. Und dann war alles wie immer. Keine große Sache.

Ich nahm sie mir als Vorbild. Aber über Jahre eingeschleifte Gewohnheiten ändert man nicht von heute auf morgen. Wenn ich nette Männer kennenlernte war das immer noch ein Problem. Irgendwann habe ich mich bei einem ersten Date wirklich verknallt und fieberte dem zweiten entgegen. Da war es dann wie früher. Die Lippe kribbelte sofort, das zweite Date mit Herpes. Ich fühlte mich wieder wie 15. Make Up, nicht angucken, in mich rein nuscheln. Irgendwann die Frage von ihm: „Was hast du denn? Du bist so anders.“ „Herpes“ sagte ich. „Na und?“ sagte er.

Also hab ich ihn geheiratet und Kinder bekommen und auch dank ihm ist Herpes heute keine Katastrophe mehr und ich habe die Hoffnung, dass meine Kinder sich nie fragen werden, warum ich sie in die Welt gesetzt habe, trotz Herpes.

Wer dann endgültig den Ausschlag gegeben hat, darin kein Problem mehr zu sehen, war meine Hausärztin. Weil es kein Problem mehr ist. Nach unzähligen Hautärzten, die nicht wirklich helfen konnten, war sie es, die sagte „Probieren Sie doch mal Aciclovir-Tabletten“.

Hab ich getan. Eine halbe Tablette beim ersten Kribbeln und fast immer ist die Entzündung so klein, dass man sie nicht einmal sieht. Oder nach einem Tag wieder verschwunden. Hätte ich die Tabletten vor 20 Jahren gehabt…!

Dann wäre ich heute wohl ein anderer Mensch. Mit weniger Demut, weniger Dankbarkeit gegenüber Alltagsglück und weniger Gefühl dafür, welche Menschen die richtigen für mich sind. Ja, ich wäre wohl weniger glücklich, wenn ich dieses (im Nachhinein eher kleine aber damals gefühlt riesengroße) Unglück nicht erlebt hätte.

Und das will ich eigentlich sagen damit: Es gibt Erlebnisse die sind so blöd, das man sich nicht vorstellen kann, dass sie mal für irgendetwas gut sind. Aber sehr oft sind sie es trotzdem. Und wenn nur, um späteres Glück zu erkennen.

Also wenn es gerade etwas gibt, was doof ist, was euch unglücklich macht, was euch krank fühlen lässt: Wer weiß, für was es einmal gut ist.

In der Zeit habe ich neulich gelesen:

„Zernikow: Es gibt die Technik des Reframings: Wenn man zum Beispiel eine Niederlage erlitten hat, im Job abgelehnt wurde, dann ist es ja häufig so, dass etwas Gutes daraus folgt. Man muss es aber wahrnehmen. Dieses Können, also die Betrachtungsweise zu ändern, ist im Leben total wichtig und unterscheidet, glaube ich, glückliche von unglücklichen Menschen.“

Das glaube ich auch.

(http://www.zeit.de/zeit-wissen/2017/03/todkranke-kinder-paediatrie-jugendklinik-interview/seite-5)

 

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4 Gedanken zu “Über Lippenbläschen (und Reframing)

    • einglueck schreibt:

      Danke! Und herzlichen Glückwunsch zur Geburt!
      Mein zweites Kind wäre auch beinah ein Kaiserschnitt geworden, wenn sich nicht eine beherzte Hebamme gefunden hätte, die das 4,5kg-Sternengucker-Kind mit den Ellenbogen rausgedrückt hat. Ich frag mich heute noch, wie sie das gemacht hat. Ich jedenfalls hätte es nicht geschafft, das Baby allein rauszupressen. Es war vor allem wegen diesem Gefühl der Ohnmacht auch so eine furchtbare Geburt.
      Daher habe ich mich auch schonmal damit auseinandergesetzt, was ein Kinderschnitt für mich bedeutet hätte. Im ersten Moment hätte ich es total blöd gefunden.
      Auf der anderen Seite hätte mir wohl der Gedanke geholfen, dass dank diesem Kaiserschnitt mein Kind und ich am Leben wären. Das ist ja noch nicht so lange selbstverständlich.
      Was die schwierige zweite Geburt (auch wenn es kein Kaiserschnitt war) auch mit mir gemacht hat, und was ich im Nachhinein positiv sehe: ich kann all die unschönen Geschichte, die andere Mütter erzählen, viel besser nachvollziehen, besser darauf eingehen und mehr für sie da sein.
      Das war nach der ersten Geburt, die ich als regelrecht entspannt und schön erlebt habe, anders. Da hab ich mich mitunter bei Gedanken wie „ach, wenn ihr nur vorher nicht so verkrampft gewesen wäret, dann wäre das sicher besser gelaufen“ ertappt. Im Nachhinein schäme ich mich fast dafür – aber freue mich eben auch jetzt zu wissen, wie sich diese Ohnmacht anfühlt, weil es eben empathischer macht.
      Auf den Gedanken wäre ich aber direkt nach der Geburt nicht gekommen. Insofern sei nicht traurig, wenn das mit dem „Reframing“ eine Zeit braucht. Man darf auch im ersten Moment Dinge einfach doof und bedauerlich finden. Zum Beispiel einen ungeplanten Kaiserschnitt.
      Ich hoffe sehr, dir und deinem Kind geht es trotzdem so gut es eben geht und du kannst die Anfangszeit genießen! Nochmal: Alles Gute!

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