Über Glück im Unglück (Was ich meinen Kindern mit auf den Weg geben möchte)

Schon als ich den Aufruf zu dieser Blogparade von Munchkinshappyplace gesehen habe, habe ich gedacht: Da mache ich auf jeden Fall mit! Weil ich ja erst seit Kurzem blogge, habe ich so etwas bisher noch nie getan und fand, dass es ein perfektes erstes Thema ist, weil mir da so viel zu einfällt.

Und dann kam wieder eine depressive Phase meines Mannes, wegen dem Fluglärm. Ich habe meinen Text dazu geschrieben und mich hinterher gefragt: Passt das zusammen? Kann ich schreiben, was ich meinen Kindern mit auf den Weg geben möchte, was ganz viel mit „glücklich sein“ zu tun hat und gleichzeitig diesen Text da stehen haben, der „Verzweiflung“ im Titel trägt und der eine Verzweiflung in unserer Familie beschreibt, die real ist? Wie passt all das, was ich meinen Kindern mit auf den Weg geben möchte, damit zusammen, dass wir dieses Problem haben, und es nicht lösen können?

Inzwischen denke ich: Es passt sehr gut zusammen. Weil das wichtigste, was ich meinen Kindern mit auf den Weg geben möchte, ist, sie stark zu machen, so resilient, dass sie selbst hoffentlich nie an einer Depression erkranken. Sie sollen lernen, glücklich zu sein.

Und dann wieder der Gedanke: Kann ich mir anmaßen, zu denken, ich weiß, wie das geht? Ich bin kein Psychologe. Ich habe keinen fachlichen Hintergrund und kann z.B. die körperlichen Aspekte, die zu einer Depression führen, überhaupt nicht einschätzen. Welche Rolle spielt zum Beispiel Sensibilität?

Was mich veranlasst hat, trotzdem diesen Text zu schreiben, obwohl ich keine Fachkenntnisse habe, sind meine Erfahrungen. Es sind Aspekte, die ich in unserer Familie beobachtet habe. Unterschiede zwischen dem, was meine Eltern mir mit auf den Weg gegeben haben und dem, was mein Mann mit auf den Weg bekommen hat. Es sind die Gespräche und Gedanken, die ihm helfen. Es ist alles nicht wissenschaftlich fundiert. Aber darum geht es ja auch nicht. Es geht um die Frage, was ich persönlich meinen Kindern mit auf den Weg geben möchte.

Und das ist Folgendes:

 

Findet heraus, was euch glücklich macht. Und was nicht.

Ich habe da schon ein paar Ideen, was glücklich macht, die ich meinen Kindern mitgeben möchte: Herzensmenschen (Das heißt: Pflegt Freundschaften und Beziehungen, die euch etwas bedeuten), bewusster Genuss (sei es Essen, Musik, Bücher, Blumen, Reisen…), anderen eine Freude machen, Selbstbewusstsein (dazu gehört, ein Leben zu führen, das man selbst gut und richtig findet und sich nicht nach dem zu richten, was andere denken).

Und es gibt ein paar Dinge, die andere wichtig finden, die mich nicht glücklich machen: Oberflächliche Dinge wie Status, Aussehen, Macht und auch viel Geld. Also mehr Geld als man braucht, um seine Bedürfnisse und Herzenswünsche zu erfüllen (denn ganz egal ist Geld natürlich nicht).

Das sind meine Ideen. Aber vielleicht haben meine Kinder ganz andere und welche das sind, sollen sie für sich herausfinden und dann darauf hinarbeiten.

 

Lernt mit negativen Erlebnissen umzugehen und das Positive darin zu sehen.

Ich glaube ja sehr an das Konzept des „Reframings“, also daran, bei negativen Erlebnissen auch zu sehen, was Positives daraus erwächst und wenn es nur das berühmte „Es macht dich stärker“ ist. Denn wenn man mit negativen Erfahrungen (nicht Traumata, die ganz normalen negativen Erfahrungen) umgehen kann, machen einen diese wirklich stärker, empathischer, besser. Wenn man nie Unglück erlebt, sieht man sein Glück nicht. Oder konkret: Bei einer nicht bestandenen Seepferdchenprüfung kann das Positive sein, dass man lernt mit Niederlagen umzugehen, aber auch, dass man jedes Wochenende an den See oder ins Freibad fährt, um doch noch schwimmen zu lernen. Wenn dann nie richtiges Freibadwetter ist (der Sommer in Berlin ist echt anders als sonst), ist das wieder blöd – aber das Gute ist, dass es so schön leer ist, dass man super üben kann. Und so weiter. Wo Schatten ist, ist auch Licht.

Und was bedeutet das in unserer Situation? Ganz ehrlich: Ich weiß noch nicht, was ich Positives darin sehen soll, dass mein Mann an Depressionen leidet. Das ist unbestreitbar erstmal furchtbar. Im Moment versuche ich, dieses Thema als eine Art „Prüfung“ oder „Tal“ zu sehen. Sollte dieser Flughafen irgendwann einmal schließen, worauf wir immer noch hoffen, werden wir hinterher ganz sicher glücklich sein und es kann uns nichts mehr so leicht aus der Ruhe bringen. Sollte er nicht schließen, wäre das sehr schlimm, aber wir müssten dennoch einen Weg finden. Es gehört dazu, dass manchmal nicht alles in diesem Augenblick gut ist, aber dass man Vertrauen darin hat, dass es gut wird. Auch das möchte ich meinen Kindern mitgeben.

 

Lernt Demut und Dankbarkeit

Das hat auch ein bisschen mit dem ersten Punkt zu tun. Denn wahrscheinlich braucht es auch ein paar negative Erfahrungen, um Demut und Dankbarkeit zu lernen. Wenn man sie einmal gelernt hat, helfen sie einem, denke ich, ein glückliches Leben zu führen. Es geht darum, nicht ständig mit dem eigene Pech zu hadern, sondern sich auf das eigene Glück, das Gute, zu fokussieren.

Ja, auch hier: Es fällt mir schwer, dankbar zu sein für die Situation, in der wir uns befinden. Aber das muss ich auch nicht. Stattdessen bin ich z.B. dankbar dafür, dass unsere Kinder trotzdem gesund und glücklich sind. Dafür, dass es sie bisher nicht belastet. Ich bin dankbar dafür, dass wir eine Alternative hätten. Auch wenn diese nicht das ist, was wir wollen und was wir uns in unserem Leben vorgestellt haben: Wir könnten in eine Wohnung ziehen oder irgendwo ganz aufs Land. Ja, dann müssten wir uns beide eine andere Arbeit suchen und das wäre alles sehr schwer (auch weil mein Mann seinen Job liebt und er ihn in dieser Form nicht auf den Land ausüben könnte). Wir hätten die Herzensmenschen nicht mehr in der Nähe.

Aber wir haben eine Alternative, auch wenn sie nicht schön ist. Es gibt genug Menschen, die gar keine haben. Sich das ab und zu vor Augen zu führen, sich zu sagen „Es geht mir [trotzdem] gut“, das hilft. Ungemein. Weil es verhindert, dass man verbittert wird.

 

Das Leben ist nicht fair – aber auch nicht besonders unfair zu euch

Ach, irgendwie hängt bei mir alles zusammen. Auch hier geht es darum, das eigene Glück zu sehen. Kinder finden oft vieles unfair. Einige Erwachsene auch noch. „Marie darf immer… Karl hat alles… Mein Kollege bekommt mehr…“ Ja, alles unfair. Ich sage dann oft: „Ja, das Leben ist unfair – aber meistens gleichen sich die Dinge irgendwie wieder aus“. Damit meine ich nicht, dass meine Kinder irgendwann mal so viele Sachen haben werden wie Marie. Deren Eltern arbeiten mehr, sind mehr weg und kaufen zum Ausgleich mehr Geschenke. Meine Kinder haben stattdessen mehr Zeit mit ihren Eltern. Wenn sie also neidisch auf jemanden sind, sollen sie sich überlegen, ob sie nicht nur was diesen einen Aspekt angeht mit dem anderen tauschen wollen würden, sondern insgesamt. Würden sie Maries Leben führen wollen? Würden sie für das Spielzeug auf ihre Geschwister und Haustiere, ihren Garten und ihre Großeltern in der Nähe verzichten wollen? Und die Eltern tauschen wollen? Ich habe noch nie ein (nicht traumatisiertes) Kind erlebt, was dazu ja gesagt und es gemeint hat. Im Übrigen auch keinen Erwachsenen. Denn am Ende findet man sein Leben ja meist gut, wie es ist. Meine Sechsjährige sagt inzwischen nicht mehr, dass sie etwas unfair findet und ich glaube, sie empfindet es auch nicht mehr so. Mein Vierjähriger schon noch. Aber ich bin optimistisch: Nicht mehr lange.

Auch hier: Ja, ich finde es unfair, dass wir darunter leiden müssen, dass andere unfähig sind, einen Flughafen zu bauen und wieder andere nur kurze Wege wichtig finden (und ihnen die Anwohner scheinbar egal sind). Aber das ist eben nur ein Aspekt. In diesem einen Punkt haben wir Pech gehabt. So wie meine Kinder auch manchmal Pech haben. Aber wir haben uns. Wir haben zwei gesunde Kinder. Ich würde mein Leben mit niemandem tauschen wollen. Das Leben ist insgesamt nicht unfair zu mir.

 

Verheimliche deine Gefühle nicht vor denen, die dir wichtig sind

So sehr ich will, dass meine Kinder glücklich sind: Ich weiß, dass man das nicht immer sein kann. Ich weiß es sogar ziemlich gut, eben weil mein Mann an Depressionen leidet. Aber ich wusste es natürlich auch schon vorher. Jeder ist eben mal unglücklich. Wichtig ist dann, dass man nicht versucht, so zu tun, als wenn es dieses Unglück nicht gibt. Das heißt nicht, das man ständig jammern soll, vor allem nicht über unwichtige Kleinigkeiten, sondern es heißt, offen über seine Gefühle zu sprechen, vor allem mit den Menschen, die einem wichtig sind. Denn das Unglück wird gleich ein wenig kleiner, wenn man darüber spricht – und gleichzeitig stärkt es eine Beziehung, wenn man ehrlich zueinander ist.

Deswegen reden wir auch mit unseren Kindern über die Traurigkeit vom Papa und verheimlichen nichts vor ihnen (außer der Wut, wir versuchen nicht vor den Kindern „auszurasten“). Die Traurigkeit gehört dazu. Die Kinder finden es ziemlich normal, einen Papa zu haben, der nicht immer normal ist. Es ist zwar ein wenig traurig zu beobachten, dass sie immer wissen, wie der Wind gerade weht, weil sie wissen, welche Auswirkung das auf den Gemütszustand ihres Papas hat, aber soweit wir das wahrnehmen können, belastet es sie nicht.


 

Ja, ich glaube, meine Kinder können schon ganz gut auch mit schwierigen Situationen umgehen. Das ist einer der wichtigsten Dinge für mich, die ich ihnen mit auf den Weg geben will, weil ich glaube, dass mein Mann dies nicht gelernt hat. Wer weiß – wenn er es gelernt hätte, dann hätte er den Fluglärm vielleicht ausgehalten, ohne eine Depression zu bekommen.

Ehrlich gesagt hat mich auch dieser Aspekt erst davon abgehalten, diesen Text zu schreiben. Weil ich nach meinem letzten Beitrag so viele Stimmen gehört habe, die gesagt haben „jammert nicht so“ und „zieht doch weg“. Wenn ich jetzt noch sage „Ich glaube, man kann lernen, so stark zu sein, dass man trotz Fluglärm nicht an Depressionen erkrankt“, dann bin ich mir ziemlich sicher, dass noch hinzu kommt „Guck, nicht jeder bekommt Depressionen. Der Flughafen ist gar nicht schuld. Dann kann er doch bleiben“.

Aber das stimmt so eben auch nicht: Ja, ich glaube, mein Mann wurde als Kind nicht stark genug gemacht, um als Erwachsener diesem Problem zu begegnen. Gleichzeitig hätte er keine Depression, wenn es das Problem Fluglärm nicht gäbe. Und es gibt einfach sehr, sehr viele Menschen, denen es ähnlich geht, die auch nicht stark gemacht wurden und ich glaube tatsächlich: Wenn wir wegziehen, kommen die nächsten, die evtl. auch nicht resilient sind, die den Lärm unterschätzen und ggf. krank werden. Also: Dass ich hoffe und glaube, dass man Kinder so stark machen kann, dass sie nicht wegen einem Auslöser wie Lärm an Depressionen erkranken, heißt nicht, dass diejenigen, die an Depressionen erkranken deshalb „selbst schuld“ sind. In keiner Weise! Und es heißt auch nicht, dass es eine Rechtfertigung dafür gibt, 300.000 Menschen, denen versprochen wurde, dass die Belastung aufhört, weiter zu belasten.

Es heißt nur eines: dass ich glaube, dass man Kindern etwas mit auf den Weg geben kann, um sie stark und glücklich zu machen. So stark und glücklich, dass sie mehr aushalten als andere. Nur weil ich das glaube, können wir überhaupt noch in unserem Haus wohnen. Denn wenn ich glauben würde, auch unsere Kinder würden durch den Lärm depressiv werden, dann wäre kein Job, kein Garten und auch nichts anderes das wert.

Deswegen haben meine wichtigsten Punkte damit zu tun, stark zu werden. Im Kern geht es mir um eines: „Findet heraus, was euch glücklich macht, arbeitet daran, glücklich zu sein und seid euch eures Glücks bewusst.“

Es gibt natürlich noch viele weitere Dinge, die ich ihnen mit auf den Weg geben will. So viele, dass ich tagelang schreiben könnte. Viele von diesen haben zum Glück andere schon aufgeschrieben, zum Beispiel Munchkinshappyplace und Puddingklecks. Das, was sie schreiben, sehe ich eigentlich alles genauso (und die einzige Ausnahme findet ihr in einem Kommentar), daher empfehle ich euch einfach ihre Beiträge.

 

 

Über eure Gedanken würde ich mich wie immer freuen. Was wollt ihr euren Kindern mitgeben? Ist es euch auch am wichtigsten, dass sie glücklich sind? Kann man das als Eltern wirklich so beeinflussen, wie ich es mir erhoffe (oder liege ich vielleicht völlig falsch)?

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