Nicht Attachment Parenting ist das Problem, sondern die dogmatische Auslegung (immer!)

Ich habe gerade in der Zeit diesen Artikel gelesen, und weil es nicht ohne geht, auch gleich diesen. Zwei Artikel, die so ungefähr sagen, Attachment Parenting ist doof [das nehme ich zurück, das steht da nicht, es wird nur der Mehrwert hinterfragt, aber das läuft auf ähnliches hinaus], weil man damit seine eigenen Bedürfnisse aufgibt und die Befürworter entweder übertreiben oder verwässern. Ein Dazwischen scheint es nicht zu geben.

Ich habe mich nie als Befürworter von Attachment Parenting gesehen, weil ich den Begriff bis vor ein paar Monaten gar nicht kannte. Dann habe ich mit meinem Blog angefangen und mich bei Twitter angemeldet und mir ist aufgefallen, dass viele der schlauen Menschen (vor allem Frauen), die dort kluge Sachen sagten, denen ich sofort aus dem Bauch raus zustimmen würde, „AP“ in ihrem Profil stehen hatten. Also setzte ich mich damit auseinander, was das ist. Also so richtig eigentlich erst, als ich jetzt diesen Zeit-Artikel gelesen habe. Erst dadurch habe ich von Sears und den „sieben Baby-Bs“ erfahren.

Denn: Ich habe eigentlich nie Erziehungs-Bücher oder Artikel gelesen. Ich fand, dass meine Eltern mit mir das meiste richtig gemacht haben, bin ein ziemlich glücklicher Mensch, wollte nie mehr für meine Kinder als das und deshalb alles so machen, wie es sich für mich richtig anfühlt. Und genau so habe ich es gemacht. Ohne Bücher, mit Bauchgefühl.

Es hat sich richtig angefühlt, die Kinder ungefähr ein Jahr zu stillen, immer dann, wenn sie es wollten, denn es war auch für mich schön (und entspannt). Es hat sich richtig angefühlt, mit den Kindern gemeinsam in einem Bett zu schlafen, weil sie allein einfach irgendwann aufwachten und weinten. Also schliefen sie bei mir, sie fühlten sich wohl und ich musste nachts nicht aufstehen. War super, obwohl es einige gab, die das als gefährlich kritisiert haben (in meinem Prenzlauer Berg gab es nämlich keine Attachment Parenting Befürworter). Überhaupt habe ich die Kinder nicht unnötig weinen lassen – schon weil ich es selbst nicht ausgehalten habe. Das heißt aber nicht, dass ich um sie herum helikoptert bin oder mich selbst aufgegeben habe. Ich glaube, als Eltern kann man durchaus unterscheiden zwischen echtem Verzweiflungs-/Traurigkeitsweinen und z.B. einem Wutweinen, weil das Kind irgendetwas nicht bekommt.

Was ich nie getan habe: Anderen Eltern zu sagen, dass sie es genauso machen sollen. Außer wenn sie mich gefragt haben, warum ich so entspannt wirke, während bei ihnen alles so stressig ist. Dann schon. Ich habe mir nie Stress gemacht. Und schon gar nicht dogmatisch irgendwelche Regeln befolgt. Ich kannte die Regeln ja gar nicht.

Und gerade deshalb finde ich diese beiden Artikel irgendwie blöd. Denn was sie zu Recht kritisieren (Selbstoptimierung) hat für mich im Grunde nichts mit Attachment Parenting zu tun. Genauso wenig wie dogmatische Befürworter desselben. Denn Übertreibung und Dogmatismus sind (fast) immer blöd, egal um was es geht.

Auf die Bedürfnisse seines Kindes eingehen ist dagegen nicht blöd. Und für mich etwas völlig anderes, als zu „helikoptern“ – denn zu den Bedürfnissen des Kindes gehört es doch auch, sich irgendwann immer mehr von den Eltern zu lösen und Freiräume zu gewinnen. Und es gehört dazu, zu lernen mit negativen Erfahrungen umzugehen. Vielleicht sollten diese negativen Erfahrungen nur nicht sein, als Baby nicht von der Mutter getröstet zu werden – es reicht auch, wenn man als Vierjährige das einzige Mädchen ist, dass nicht als „Elsa“ zum Fasching geht oder man als Sechsjährige lernt damit umzugehen, dass man das Seepferdchen nicht schafft.

Eine Sache noch: Meine Mutter, die mit mir so viel richtig gemacht hat und aus meiner Sicht ebenfalls Attachment Parenting gemacht hat, ohne den Begriff zu kennen, hatte keine so glückliche Kindheit wie ich. Sondern eine richtig, richtig miese. Ihre Eltern waren kriegstraumatisiert und auf sich selbst fokussiert.  In ihrer Kindheit wurden die Babys zu festen Zeiten gefüttert und wenn sie zwischendurch geweint haben, dann haben sie eben geweint. So wollte meine Mutter es mit ihren Kindern nicht machen. Geholfen haben ihr andere Frauen, die ihr gesagt haben, dass es richtig ist, auf das eigene Gefühl zu hören, die ihr gesagt haben, dass es OK ist, sich nach den Bedürfnissen des Kindes zu richten. Obwohl sie es anders gelernt hatte.

Also liebe „Attachment Parenting“-Mütter, die ich bei Twitter so toll finde: Danke, dass ihr diesen Ansatz in die Welt tragt. Für die Mütter, die unsicher sind. Für die, die sich nicht trauen auf ihren Bauch zu hören oder die das nie gelernt haben (dann bleibt der Bauch ziemlich stumm), für die, die zu oft von irgendwem hören „Du verwöhnst das Kind“ und sich dadurch verunsichern lassen, für die, die Vorbilder und Bücher brauchen, auf die sie sich berufen können, für die ist es so wichtig, dass es euch gibt. Danke!

Advertisements

Ein Gedanke zu “Nicht Attachment Parenting ist das Problem, sondern die dogmatische Auslegung (immer!)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s