Me too – meine Erfahrungen mit sexueller Belästigung (und wohin mich das geführt hat)

Als die ersten von euch anfingen, „Me Too“  und ihre Geschichten zu teilen, da war mein erster Gedanke: Ich? Bin ich wirklich mal belästigt worden? Mir ist nicht sofort etwas eingefallen. Ich bin nie vergewaltigt worden und es gab kein Erlebnis, welches mich traumatisiert hätte. Aber je mehr ich darüber nachgedacht habe, desto mehr ist mir klar geworden, dass ich heute mache, was ich mache, weil ich den Belästigungen aus dem Weg gegangen bin. Und das ist eigentlich auch ziemlich krass.

Ich habe „Was mit Medien“ studiert.

Weil ich Journalistin werden wollte. Weil dafür vor allem Praxiserfahrung zählt, habe ich Praktika gemacht. Das erste Praktikum bei einem Fernsehsender hat sehr viel Spaß gemacht. Aber was und wieviel man machen durfte, hing davon ab, welche Redakteure einem eine Chance gegeben haben. Die Redakteure waren überwiegend männlich und um Andeutungen nicht verlegen: „Du kannst mich gern begleiten, vielleicht machen wir unterwegs noch ein Picknick?“ Von jemandem, der dich bei jeder Gelegenheit versehentlich berührt, obwohl du klar zu verstehen gibst, dass du nicht interessiert bist, klingt das eher nach Drohung als nach Angebot. Der Alltag bestand darin, solchen Fragen auszuweichen, ohne jemandem vor den Kopf zu stoßen. Es war anstrengend. Mir gefiel die Atmosphäre nicht, ohne dass ich damals hätte benennen können, woran das liegt. Ich habe noch ein weiteres Praktikum gemacht und ein bisschen freiberuflich gearbeitet, aber die Erfahrungen waren ähnlich, in der Freiberuflichkeit sogar noch schlimmer.

Ich wurde nicht Journalistin, weil ich das Gefühl hatte, dass es nicht möglich ist, erfolgreich zu sein, ohne sexuelles Entgegenkommen zu zeigen.

Dann vielleicht PR? Ich erinnere mich an ein Uni-Projekt zu einem Spezialgebiet des Journalismus. Ich fand einen Journalisten, eines renommierten Magazins, der Korrespondent genau für dieses Spezialgebiet war und bat ihn um ein Interview. Er sagte zu, wir trafen uns in einem Café, es war sehr professionell, die Uni-Note für das Projekt war super. Als der Journalist das nächste Mal in der Stadt war und fragte, ob wir uns auf einen Kaffee treffen wollen, weil der Austausch doch nett gewesen sei, freute ich mich. Weil ich das Spezialgebiet spannend fand, seine Artikel sehr klug und Kontakte zu Journalisten ja nicht schaden können, wenn man später mal in der PR arbeiten möchte. Ich lud ihn sogar in unsere WG ein und dachte mir nichts dabei. Meine Mitbewohnerin schon. Deshalb kam sie früher, als sie eigentlich geplant hatte, nach Hause. Und half mir dabei, den Mann, der sich den Nachmittag anders vorgestellt hatte als ich,  der ein „Nein“ nicht akzeptieren wollte und mir sprichwörtlich „an die Wäsche ging“, den ich nicht von mir herunter bekam, weil er doppelt so schwer war wie ich, vor die Tür zu befördern. Ich bin ihr bis heute dankbar und hatte danach erstmal abgeschlossen mit Journalisten.

Ich wollte nicht länger im Bereich „Public Relations“ arbeiten, weil ich das Gefühl hatte, dass es nicht möglich ist, erfolgreich zu sein, ohne sexuelles Entgegenkommen zu zeigen.

Deswegen wurde nach dem Studium Mitarbeiterin im Marketing eines Sozialunternehmens. Dieses Unternehmen setzte sich für Verbesserungen in einem Bereich ein, von dem die meisten Menschen viel zu wenig wissen. Weil ich an die Sache glaubte und auch fand, dass es wirklich Geschichten zu erzählen gab, ging ich noch einmal auf einen der Journalisten zu, den ich aus einem Praktikum kannte und zu dem ich sporadisch Kontakt hatte. Ich fragte ihn, ob er an einem Beitrag zum Thema Interesse hätte. Seine Antwort: „Das könnte ich mir schon sehr gut vorstellen. Ich wäre auch demnächst privat in Berlin. Könnte ich bei dir übernachten?“ Vielleicht hat er keine Hintergedanken dabei gehabt. Aber ganz ehrlich: Ich glaube schon. Ich sagte ab. PR war damit für mich komplett erledigt.

Dann halt komplett Marketing. Das mache ich bis heute. Nicht, weil das „mein Ding“ ist, sondern weil ich keine Männer dazu bringen muss, etwas für mich zu tun. Denn dass, was sie als Gegenleistung fordern, bin ich nicht zu erbringen bereit.

Auch im Marketing habe ich meine Erfahrungen gemacht. Firmeninhaber, die mir allein im Auto sagten, ich sei aufgrund meiner Haarfarbe „bestimmt eine ganz Wilde“ oder Kunden, die andeuten, dass sie uns beauftragen würden, „wenn ich noch ein bisschen mit feiere“. Was ich aber auch erlebt habe, waren Männer, die mich geschützt haben, was ich oft erst hinterher erfahren habe. Vorgesetzte, die anderen Vorgesetzten signalisiert haben, dass sie mich in Ruhe lassen sollen. Was wirksamer war als jedes „Nein“ von mir. Das ist schön. Und gleichzeitig traurig, weil es nicht nötig sein sollte.

Ich habe mich beim Nachdenken über dieses Thema selbst erschrocken, wie sehr mich sexuelle Belästigung beeinflusst hat. Nicht, weil ich ihre schlimmste Form erlebt hätte. Sondern, weil ich ihr immer wieder ausgewichen bin, deswegen einen anderen Weg gegangen bin, als ich eigentlich wollte und jetzt an einem Punkt stehe, der nie mein Ziel war.

So sollte es nicht sein. Das muss sich ändern.

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3 Gedanken zu “Me too – meine Erfahrungen mit sexueller Belästigung (und wohin mich das geführt hat)

  1. Mama notes schreibt:

    Danke fürs Aufschreiben. Ich finde das ganz wichtig – und gehört für mich definitiv in den Bereich sexuelle Belästigung. Aber ich verstehe Dich, in Anbetracht manch anderer Erlebnisse erscheint einem die eigene Erfahrung als „klein“. Ist aber nicht so.

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