Über Großeltern und Sucht (und Angst) – Teil II

Letzte Woche habe ich meinen Text „Über Großeltern und Sucht. (Oder: Ich kann nicht in deiner Nähe leben, weil ich dich liebe.)“ veröffentlicht und darin geschrieben, „Ich versuche gerade einen Text darüber zu schreiben, wie es mir heute mit meiner Mutter und dem Thema Sucht geht.“

Das mit dem „versuchen“ trifft es, denn es fällt mir echt schwer. Aber ich veröffentliche diesen Text jetzt trotzdem, denn ich fürchte, so richtig zufrieden werde ich nie mit ihm sein, eben auch, weil er Entscheidungen beinhaltet, die mir sehr schwer gefallen sind (und immer noch fallen, weil dieses Thema immer da ist). Vielleicht fehlt mir nur der Abstand – aber den Text erst in sechs Jahren zu veröffentlichen ist ja auch keine Lösung.

„Sechs Jahre“ deshalb, weil der 1. Teil meine Gefühle von vor sechs Jahren beinhaltet, Gefühle gegenüber der Sucht meiner Mutter, die viel mit Bedauern und ja, auch Vorwürfen, zu tun hatten.

Meine Sicht heute

Vorwürfe mache ich meiner Mutter heute weitestgehend keine mehr. Ich sehe ihre Sucht als Krankheit. Das ist bei psychischen Krankheiten oft besonders schwer, weil die betroffenen Menschen ja nicht nur leiden sondern auch handeln, in unseren Augen falsch handeln und der Gedanke naheliegt „sie können ja auch anders handeln, das wäre besser für alle“. Aber nein, das können sie eben nicht. Das „nicht anders handeln können“ ist das Merkmal einer Sucht.

Inzwischen habe ich auch den Gedanken ruhen lassen, dass eine Therapie meiner Mutter helfen würde. Denn sie glaubt es selbst nicht. Und das wäre wohl die Voraussetzung.

Die Drogen

Früher war ihre große Sucht Alkohol. Das ist es wohl nicht mehr. Ich habe lange keinen Alkohol mehr gerochen, vielleicht tatsächlich 6 Jahre nicht, seit ihrem letzten großen Absturz. Das heißt aber eben nicht, dass sie den Drogen abgeschworen hat, sondern dass es andere sind. Welche? Ich weiß es nicht. Ich tippe auf Tabletten. Es sind sicher keine „harten Drogen“, aber eben Mittel, die das Bewusstsein verändern. Es könnte auch Cannabis sein. Letztlich ist es fast egal, weil es am Kern des Problems nichts ändert: Sie ist nicht nüchtern.

Auch wenn ich nicht genau weiß, was sie gerade nimmt, ich bin mir ziemlich sicher, dass sie seit Jahrzehnten nicht ohne Betäubungsmittel auskommt (Ich benutze die Wörter „Drogen“ und „Betäubungsmittel“ synonym).

Das heißt nicht, dass meine Mutter seit Jahrzehnten immer zugedröhnt und neben der Spur ist. Im Gegenteil. Mit einer kleinen Dosis Betäubungsmittel merkt man ihr überhaupt nichts an. In der Regel nimmt sie nicht mehr als diese kleine Dosis und ist damit scheinbar völlig normal. Kein Mensch würde es merken. Heute ist es sogar so, dass die allermeisten Menschen es ihr nicht anmerken, wenn sie etwas mehr nimmt. Sie wird dann etwas lauter, etwas aufgekratzter, ein bisschen konfrontationsbereiter, aber alles in einem sehr leichten Level, das man nur bemerkt, wenn man jahrelang immer genau aufgepasst hat, ob es solche Anzeichen gibt, weil diese Anzeichen einige Jahre lang manchmal in einem Absturz endeten. So ist es nicht mehr. Wir finden sie nicht mehr torkelig und unzurechnungsfähig, nur noch aufgekratzt und weniger feinfühlig, als sonst. Die Drogen gehören zu ihrem Alltag. Sie wüsste nicht, wie sie ohne auskommen würde.

Warum sie Drogen nimmt

Ich denke, meine Mutter nimmt Drogen, um ihre schlimmsten Gedanken, Gefühle und Erinnerungen zu betäuben. Inzwischen verstehe ich das. Ich weiß mit Sicherheit nicht alles, aber was ich von ihrer Kindheit weiß, ist grausam. Keine Liebe, dafür Vernachlässigung, Missbrauch, Vorwürfe, Verluste. Ich könnte heulen, wenn ich daran denke.

Meine Mutter hat es geschafft, da raus zu kommen. Sich ein Leben aufzubauen. Sich Mechanismen anzutrainieren, um damit klar zu kommen. Reframing, positiv denken, das hat sie sich selbst beigebracht. Aber das alles hat nicht gereicht, die Erinnerungen ruhen zu lassen, den Schmerz auszublenden und die Welt nüchtern zu ertragen.

Meine eigene Kindheit

Meine Mutter hat es geschafft, Bindung und Liebe als Grundlage für ihre Erziehung zu nehmen, obwohl sie es selbst so anders erfahren hat. Ich hatte eine glückliche Kindheit. Die Sucht hat darin keine Rolle gespielt. Obwohl die Sucht wohl immer da war, war meine Mutter immer liebevoll. Meine Eltern wollten es anders machen als ihre eigenen und das haben sie. Sie haben mir so viel vermittelt und so viel mitgegeben. Ich bin ihnen wirklich dankbar. Das klingt vielleicht komisch oder sogar unglaubwürdig, aber es ist so. Die Sucht wurde erst zu einem Problem, als ich älter wurde und anfing, meine Mutter deswegen in Frage zu stellen, sie nicht mehr ernst zu nehmen und vor allem, mir Sorgen zu machen. Zunächst um meine Mutter, später um meine Kinder.

Die Angst um meine Kinder

Heute Nacht hatte ich einen Alptraum. In diesem rannte mein vierjähriger Sohn bei meinen Eltern über eine Steinfläche, ich sah das Unglück kommen, konnte es aber nicht aufhalten, er stürzte und lag leblos da. Ich rannte zu ihm, nahm ihn hoch, fragte verzweifelt, ob alles gut ist. Er schlug die Augen auf und sagte: „Es wird schon alles gut sein“. Mit der Erleichterung, dass er etwas sagte, kam das Gruseln darüber, wie er es sagte und dass er nicht weinte.

In dem Moment klingelte mein Wecker.

Das Bild meines leblosen Sohns verfolgt mich. Vielleicht auch, weil ich genau weiß, warum ich diesen Traum hatte. Weil ich diese Angst um meine Kinder habe. Die habe ich immer, seit sie da sind, mal ist sie stärker, mal schwächer und ja, ich finde, das ist das schlimmste am Muttersein: Diese tiefe Angst, die ich früher nie hatte, die jetzt aber da ist und nie mehr weg geht.

Was ich gegen die Angst tue

Ich habe die Angst als einen Teil meines Lebens akzeptiert. Ich helfe mir, wenn sie zu groß wird, mit Statistik (statistisch gesehen werden meine Kinder 80 Jahre alt), mit Wahrscheinlichkeiten, mit dem Gedanken, dass wenn etwas passiert, sie bis dahin zumindest ein sehr gutes Leben hatten.

Vor allem aber helfe ich mir mit Zuversicht, weil meine Kinder gut darin sind, auf sich aufzupassen.

Die Kinder können Gefahren sehr gut einschätzen und sind auch gut darin, selbst zu entscheiden, was sie sich zutrauen.

Damit das so bleibt und noch besser wird, traue ich ihnen so gut wie alles zu, was ich nicht für lebensgefährlich halte und lasse ihnen viele Freiräume. Fast immer akzeptiere ich ihre Einschätzung und begleite sie nur, wenn ich es für nötig halte.

Meine Kinder wissen, dass sie in der Regel diejenigen sind, die entscheiden, wann sie einen neuen Schritt alleine gehen. Deswegen hätte mich der Satz nicht überraschen dürfen, den meine Tochter sagte, kurz bevor sie eingeschult werden sollte: „Die Ferien verbringe ich dann immer bei Oma und Opa“.

Ferien bei Oma und Opa?

Noch nie war unsere Tochter mehr als einen Tag oder eine Nacht von uns getrennt gewesen. Plötzlich wollte sie wochenlang ohne uns sein. Sie wollte es wirklich.

Ich stand vor einem Dilemma. Damals, vor sechs Jahren, als sie ein Baby war, da hatte ich ausgeschlossen, dass meine Mutter allein auf sie aufpasst. Heute ist es etwas besser mit der Sucht, weil sie es nicht mehr übertreibt, nicht mehr abstürzt. Aber ich weiß, dass sie Drogen nimmt. Und dass diese ihr normalerweise sehr feines Gespür für Situationen beeinträchtigen können – und eben auch für Gefahren. Ich habe Angst, dass sie Gefahren für meine Kinder falsch einschätzt, wenn sie nicht nüchtern ist.

Ein Beispiel: Als ich das letzte Mal mit beiden Kindern zu Besuch war, gab es einen Abend, an dem sie auffällig zuvorkommend und konfrontativ auf einmal war. Lauter als sonst. An diesem Abend wollte sie, als es schon dunkel war, spazieren gehen. Sie fragte meinen vierjährigen Sohn, ob er mitkommen wolle. Dieser verneinte. Sie versuchte ihn zu überreden „Komm doch, mit Taschenlampe, das ist ein Abenteuer“. Nun mag sein. Aber wenn eine nicht nüchterne Oma im Dunkeln im Wald mit ihrem ängstlichen Enkel unterwegs ist, dann finde ich das nicht abenteuerlich, sondern gefährlich. Das habe ich auch gesagt. Und meine Mutter am nächsten Tag auf die Episode angesprochen. Und darauf, dass sie nicht allein auf die Kinder aufpassen kann, wenn sie so etwas tut. Sie hat sich bedankt, dass ich es gesagt habe und versprochen, es nicht mehr zu tun. Aber solche Versprechen kann man ihr eben leider nicht glauben, auch wenn sie sich sicher bemühen wird.

Die Kinder mit ihr alleine zu lassen kommt deshalb nicht in Frage.

Der nächste Gedanke ist: Die Kinder dürfen nur dann zu meinen Eltern, wenn auch mein Vater da ist. Wenn er da ist, dann trägt meine Mutter nicht allein die Verantwortung. Dieser Gedanke hat zwei Schwierigkeiten: Mein Vater ist selbstständig, auch wenn er eigentlich frei hat, kommt es vor, dass er doch mal ein paar Stunden weg ist, um zu arbeiten. Und mein Vater ist sorglos. Zu sorglos, in meinen Augen. Das kann man meiner Mutter nicht vorwerfen. Mein Vater aber ist jemand, der alles andere als vorsichtig ist.

Exemplarische Szene: Als mein Sohn ein paar Wochen alt war, waren wir bei einem Richtfest eingeladen. Mein Vater hatte seinen Enkel auf dem Arm. Plötzlich kletterte er mit ihm auf dem Arm eine angelehnte Holzleiter hoch ins Obergeschoss der Baustelle, um sich da irgendwas anzugucken. Er verstand nicht, dass ich sauer auf ihn war. Er hätte mir das Baby ja einfach geben können, bevor er da hoch kletterte, ich stand neben ihm. Er fand aber nicht, dass eine Gefahr bestanden hätte. Ich schon, weil eben jeder aus Versehen von einer Leiter fallen kann und das Wichtigste – es war komplett vermeidbar. Er hätte es nicht tun müssen. Aber so geht er fast immer an Gefahren heran: „Wird schon nicht schief gehen“. Geht ja auch fast immer gut. Aber in Zusammenhang mit meinen Kindern hätte ich gern etwas mehr Verantwortungsgefühl.

Meine Mutter hat dieses. Gemeinsam sind meine Eltern gute Kinder-Aufpasser, die sich gegenseitig von Fahrlässigkeit abhalten.

Blöd ist es nur, wenn einer von ihnen mit den Kindern alleine ist. Und wenn es meine Mutter ist: Wenn sie dann zu viele Drogen nimmt.

Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie das tut?

Die Entscheidung

Am Ende läuft es auf diese Frage hinaus. Und auf eine Rechnung: Die Wahrscheinlichkeit, dass sie Drogen nimmt x die Wahrscheinlichkeit, dass mein Vater dann nicht da ist x die Wahrscheinlichkeit, dass meiner Tochter dann etwas zustößt.

Am Ende hat das den Ausschlag gegeben. Dass die multiplierte Wahrscheinlichkeit, dass alles auf einmal eintritt, eher gering ist. Vor allem, weil die Wahrscheinlichkeit sehr gering ist, dass meiner Tochter etwas passiert. Weil sie gelernt hat, auf sich aufzupassen und Gefahren abzuschätzen.

Vor kurzem hat sie mir von einem Mädchen aus ihrer Klasse erzählt, mit dem sie gern mehr spielen würde. Was sie davon abhält? Das Mädchen hüpft immer mit den Jungs über die großen Steine, was die Erzieherinnen verboten haben, weil es gefährlich ist. Einen ganz kurzen Moment habe ich gedacht „Hüpf doch mit über die Steine, du musst nicht brav sein“. Im nächsten Moment war ich unglaublich froh, dass sie es nicht tut. Wenn jemand etwas untersagt, weil es gefährlich ist, dann macht sie es nicht. Genauso wenig wie etwas, was sie sich selbst nicht zutraut. Sie probiert Neues immer sehr vorsichtig bis zu ihrer eigenen Grenze aus. Das ist so viel wert.

Deswegen haben wir zugestimmt, dass sie fahren darf. Nicht weil wir uns auf meine Eltern verlassen, sondern weil wir uns auf unser Kind verlassen.

Ja, das kann schief gehen. Ja, ich habe Angst. Aber am Ende ist die Wahrscheinlichkeit, dass ihr dort etwas Schlimmes zustößt eben doch nicht größer als auf dem Schulweg, im Garten, beim Voltigieren oder irgendwo anders in ihrem Alltag.

Und wenn etwas passiert, dann wird meine Mutter trotz allem hoffentlich in der Lage sein, einen Krankenwagen zu rufen.

Es ist, wie so vieles, eine Abwägung: Mehr Sicherheit gegen eine wilde, freie Kindheit. Ganz sicher sein oder ganz stark werden.

Wir können die Kinder nicht vor allen Gefahren beschützen. Vor dieser könnten wir es. Aber es ist uns den Preis nicht wert.

Ich kann verstehen, wenn ihr unsere Entscheidung falsch findet. Aber für uns fühlt sie sich richtig an.

Und am Ende ist das wohl der Grund, warum mir dieser Text so schwer gefallen ist. Wir haben eine Entscheidung getroffen, die sich richtig anfühlt, die aber nicht sicher ist. Die man mir vorwerfen kann, wenn etwas passiert. Denn ich kann mich dann nicht damit rausreden, dass ich es nicht gewusst habe.

Aber wenn etwas passiert, dann sind die Vorwürfe anderer wohl das letzte, was wichtig ist. Dann werden mich meine eigenen Vorwürfe verfolgen.

Ja, wir haben eine Entscheidung getroffen. Aber damit zu leben ist nicht leicht.

Was es etwas leichter macht, ist, dass die Stimme meiner Tochter nach den ersten Ferien bei den Großeltern nicht den Hauch eines Zweifels enthält, als sie sagt: „Natürlich verbringe ich die nächsten Ferien wieder bei Oma und Opa!“

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3 Gedanken zu “Über Großeltern und Sucht (und Angst) – Teil II

  1. Fujolan schreibt:

    Hmmm.
    Dieser Text ist gut. Er hat auffallend viel mit deinen Ängsten zu tun, weniger mit der Sucht.

    Die Sucht, die du beschreibst, klingt nach Pegel-Sucht. (Wie Pegel-Trinker).

    Ich persönlich hätte bei Pegel-Süchtigen mehr Angst vor ihrem Verhalten, wenn es ihnen nicht gelingt, ihren Pegel zu finden – also z.B. Verzweifelt versuchen, nüchtern zu sein, wenn die Kinder kommen. Denn DANN springt der Körper an und Körper, Entzug, Sucht, drängen sich in den Vordergrund.
    Brutal gesagt: Lieber stabil zugedröhnt als auf Entzug – oder dicht.
    Und ich fürchte, in gewisser Weise müsste das angesprochen werden. Denn wenn wie gesagt der verzweifelte Versuch unternommen wird, nüchtern zu sein, DANN ists gefährlich.

    Gefällt 1 Person

    • May schreibt:

      Danke für diese Betrachtungsweise. Der Gedanke ist mir so noch nicht gekommen: Es gut zu finden, dass sie ihren Pegel gefunden hat. Ja, ein bisschen ist es wohl so.

      Was das Ansprechen angeht: Ich versuche das. Immer und immer wieder. Aber es ist so schwer.

      Vor dem verzweifelten Versuch aufzuhören (und den damit verbundenen Gefahren) habe ich im Moment tatsächlich keine Angst. Denn sie hat sich ja „eingependelt“ und ich glaube, dass die Familie das inzwischen weitestgehend akzeptiert, nimmt den Druck raus, was das Aufhören angeht.

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