Über Verlustangst

„Mama, noch wichtiger als dass ich lesen lerne, ist, dass ich lerne, mit der Angst umzugehen“.

Das hat meine siebenjährige Tochter vorgestern zu mir gesagt. Recht hat sie. Sie hat derzeit große Verlustangst, die ihr das Leben schwer macht – und sie muss einen Weg finden, damit umzugehen.

Die Angst kam mit der Schule – und deswegen weiß ich nicht, ob beides zusammenhängt oder wie sehr, aber seit meine Tochter in der Schule ist, hat sie Angst. Nicht vor der Schule, obwohl sie ja Gründe hätte, auch nicht vor Dunkelheit, Gefahren, Höhen oder sonst etwas, nein, da ist sie mutig. Aber sie hat Angst vor Verlust. Angst um mich, im Besonderen, aber auch um ihren Bruder und ihren Vater.

Keiner von uns ist krank oder besonders gefährdet (außer, dass mein Mann mich für sehr ungeschickt hält, was ich vielleicht auch bin), die Angst ist also nicht durch mehr begründet, als die Tatsache, dass sie einen Satz verstanden und verinnerlicht hat:

Es kann immer was passieren.

Leider ist das ein Satz, den man zwar relativieren kann, mit Sicherheitsstatistiken (Wir leben in einer der sichersten Länder der Welt! In der sichersten Zeit! Unsere Lebenserwartung ist über 80 Jahre!), mit den eigenen Erfahrungen, mit konkretem Aus-dem-Weg-Räumen aller möglichen Gefahrenvorstellungen. Aber verneinen kann man den Satz nicht. Er ist wahr. Es kann immer was passieren.

Und damit umzugehen gehört zu den größten Herausforderungen unseres Lebens.

Ich kann ihre Angst so nachfühlen. Ich habe auch immer Angst. Um meine Kinder, im Besonderen, aber ich kenne aus meiner Kindheit auch die Angst um meine Eltern. Auch wenn ich glaube, dass sie bei mir nicht so ausgeprägt war.

Woran das liegt? Ich weiß es nicht. Mein Kind ist vielleicht feinfühliger, als ich es war. Vielleicht bringt der Schulstart sie mehr durcheinander (ganz sicher ist das ein wichtiger Punkt). Vielleicht haben sie Geschichten (aus dem Bekanntenkreis genauso wie Harry Potter) mehr berührt.

Egal woran es liegt: Sie hat Recht. Sie muss lernen, damit umzugehen. Wir reden sehr viel darüber und das hilft auch. Manche Gedanken mehr als andere. Aber noch hilft es nicht genug.

Ich versuche ihr zu vermitteln, dass die Angst normal ist, dass jeder sie hat, nur unterschiedlich ausgeprägt. Dabei ihr diesen Aspekt zu vermitteln, hat mir der Artikel hat von Berlinmittemom sehr geholfen. Meine Tochter hat es selbst gelesen, das Wort „normal“, das Bild der anderen Tochter gesehen und sie hat es in diesem Moment besser verstanden als immer, wenn ich es ihr gesagt habe: Ja, es ist wirklich so. Ja, auch andere haben diese Angst. Ja, diese Angst ist normal.

Ich selbst empfinde diese Angst sogar als positiv.

In meinem Twitter-Profil steht „Glücklich vor Angst“ und ja, das bin ich. Was ich damit meine, habe ich in diesem Text einmal umschrieben. Ich bin glücklich, weil mir die Angst, etwas zu verlieren, gleichzeitig zeigt, was wichtig ist. Die Angst hilft mir, zu fokussieren, auf das Wesentliche. Tief verbunden mit der Angst ist Dankbarkeit. Dankbarkeit, dass ich all die Dinge (nein, eigentlich vor allem keine Dinge, sondern Menschen) noch habe, so lange ich die Angst habe. Diese spezielle Angst, die Verlustangst, ist für mich ein Schatten der Liebe, ein Teil von ihr. Und die Liebe bleibt. Der Mensch ist vergänglich, aber die Liebe bleibt.

Inzwischen bin ich sogar so weit, dass ich die immerwährende Möglichkeit „Es kann etwas passieren“ akzeptiert habe. Das war schwierig. Der Gedanke, mein Kind könnte sterben, so unwahrscheinlich es sein mag, war lange Zeit nicht auszuhalten und die größte Schattenseite am Elternsein überhaupt. Inzwischen kann ich mir vorstellen, dass ich auch damit leben könnte. So lange ich nur meinem Kind so lange es mir möglich war das bestmögliche Leben und möglichst viel Glück geschenkt habe.

Und weil ich das so sehe, wirke ich auf andere vielleicht oft unbesorgt und manchmal sogar unvorsichtig. Aber wenn ich meinen Kindern erlaube, fast überall rauf zu klettern und runter zu springen, ohne Begleitung aus meinem Sichtfeld zu verschwinden und ohne Helm auf galoppierenden Pferden zu stehen, dann mache ich das nicht, weil ich keine Angst habe. Die habe ich, immer. Aber ich lasse sie machen, damit sie lernen, zu fallen und wieder aufzustehen – und vor allem, damit sie glücklich sind. Weil das schwankende Pferd gerade der feste Boden für meine Tochter ist, in einer schwierigen Zeit. Weil ich ihr vertrauen will, damit sie sich selbst vertraut.

Ich und die Angst, wir sind Freunde geworden.

Ich würde meiner Tochter so gern vermitteln, wie das geht, die Angst als Freund sehen. Aber es ist so schwer. Natürlich erkläre ich es ihr, so gut es geht. Immer und immer wieder.

Aber ich stoße an Grenzen, weil ein Aspekt dabei so wichtig ist: Die Akzeptanz des „Es kann immer was passieren“.

Die Akzeptanz der Vergänglichkeit.

Der Gedanke, dass ein Leben ohne einen geliebten Menschen denkbar und möglich ist.

So weit ist sie noch nicht. Was ich auch normal finde. Ich meine, sie ist sieben. Mit sieben hätte ich es glaube ich auch noch nicht für möglich gehalten, ohne meine Mutter glücklich zu sein.

Und deswegen bin ich gerade wieder an einem Punkt, an dem ich zweifele. Ob ich es meiner Tochter nicht schwerer mache, als es sein müsste, mit all diesen Gedanken.

Ich taste mich in unseren Gesprächen langsam vor. Erzähle nur von der Dankbarkeit, meiner Perspektive. Aber sobald es irgendwie um „Tod“ geht,  geht es nicht mehr. Das geht ihr zu nah. Ich glaube, da brauchen wir Abstand und Zeit, um das Thema irgendwann einmal wieder aufzugreifen.

Im Moment braucht sie Sicherheit. Die Sicherheit, dass mir nichts passiert, dass ich rechtzeitig um 15.45 Uhr an der Schule bin und sie mich in die Arme schließen kann.

Wie kann ich ihr mehr Sicherheit geben?

Ich habe es immer wieder mit Statistik versucht. Wie unwahrscheinlich es ist, dass etwas passiert. Ich habe schon einiges an „Veranschaulichungs-Versuchen“ unternommen, mir z.B. einen Rechenrahmen genommen und anhand dessen die Wahrscheinlichkeit erklärt, dass man in meinem Alter stirbt (viel weniger als eine Kugel).

Dann für jede einzelne der wahrscheinlichsten Todesarten in meiner Altersgruppe erklärt, warum es unwahrscheinlich ist:

Suizid: „Denkst du, ich bin oft traurig?“ „Nein“
Autounfall: „Passiert meist Menschen die zu schnell oder unvorsichtig fahren. Mache ich das?“ „Nein“
Krankheiten: „Bin ich oft krank? Oder gestresst?“ „Nein“

Weil die Kugel im Rechenrahmen noch zu groß war, habe ich es dann mit einem Sandkorn versucht. Ein Sandkorn in einem Sandkasten, so klein ist die Wahrscheinlichkeit. War ihr dann immer noch zu groß. „Ein Sandkorn an einem Strand“ habe ich es dann versucht. „So ein Strand wie in Dänemark?“ fragte sie misstrauisch. Das war dann OK. Außer, dass ich mich ein bisschen schlecht gefühlt habe, weil der Rechenrahmen vermutlich doch die realistischeren Verhältnismäßigkeiten angezeigt hat… Aber wer will da kleinlich sein?

Denn selbst bei dem Sandkorn am Strand ist ihre Antwort noch immer: „Aber es kann immer was passieren“ also „Es ist nicht ausgeschlossen“.

Wenn also alle (Un-)Wahrscheinlichkeiten nicht helfen,  was hilft dann?

Mir helfen Bilder.

Bilder im Kopf. Mein „Standard-Bild“, wenn mich etwas belastet, was ich nicht ändern kann, ist ein Keller. Eine Treppe, die auf eine Blumenwiese führt. Die Wiese ist mein Kopf, mein Leben. Fiese Gedanken, die nerven, auf meiner Blumenwiese, sperre ich in den Keller. Also bildlich. Ich stelle mir vor, wie ich den Gedanken fange, ihn in einen Käfig sperre, die Treppe heruntertrage und sage „So, du wartest hier jetzt eine Weile, dann lasse ich dich wieder hoch“.

Mein alter Chef hat ziemlich viel Zeit im Keller verbracht. Und eine Riesensammlung an Flugzeugen (und gescheiterten BER-Chefs) gibt es da. Theoretisch dürfen die Nerv-Gedanken wieder hoch kommen, wenn ich gerade Muße habe, mich mit ihnen zu beschäftigen. Macht aber selten einer. Weil sie nach einiger Zeit im Keller an Bedeutung verlieren.

Und deshalb würde ich meiner Tochter wünschen, sie könnte sich auch so ein Bild bauen. Vielleicht könnte sie sich die Angst als ein Wesen vorstellen, bordeauxrot vielleicht, ein Herzschatten, der auf ihrer Wiese lebt. Aber manchmal, da ärgert er zu sehr, verdunkelt die Sonne und dann sperrt sie ihn für eine Weile in den Keller.

Ich habe oft versucht, ihr dieses Bild zu vermitteln. Und sie sagt, sie hat versucht, es sich vorzustellen. Das klappt aber nicht so recht.

„Aber ich hab mir was anderes vorgestellt, Mama. Gestern habe ich mir vorgestellt, die Angst wäre Heu. Und ein Pferd isst die auf. Und dann kackt sie sie aus und dann wachsen Blumen daraus.“

Und das ist doch ein wunderbares Bild. Wobei ich wohl jedes Bild wunderbar finden würde, wenn es bei ihr funktioniert.

Das Bild ist hoffentlich ein Teil der Lösung. Zuhören, da sein, ist sicher ein anderer, noch wichtiger Teil.

Und sonst noch?

Habt ihr Tipps?

Einige hilfreiche Tipps habe ich schon bekommen. Eine Meditations-CD für Kinder werden wir besorgen. Friedhöfe besuchen, um zu sehen, wie lange die Menschen am leben waren, eher nicht (das Kind hat bei dem Vorschlag nur lauter geschluchzt), einen Sorgenfresser bekommt sie auf jeden Fall, mit der Psychoedukation nach Andreas Krüger werden wir uns auseinander setzen.

Eine Therapie halte ich im Moment (noch) nicht für richtig. Ich will ihr ja vermitteln, dass diese Angst normal ist und glaube auch, dass es so ist. Und ich glaube fest daran, dass es besser wird, wenn die anderen Unsicherheiten aus ihrem Leben kleiner werden. Wenn sie in der Schule richtig angekommen ist.

Denn ja, das mit der Schule, das ist wohl am Ende der wahre Schlüssel.

Am Anfang dieses Texts habe ich gesagt, ich weiß nicht, wie sehr beides zusammenhängt. Und ja, wissen tue ich es wirklich nicht. Aber ich habe ein eindeutiges Gefühl, das mir sagt: Seit mein Kind in der Schule ist, ist ihre Welt unsicher geworden. Alles ist in Frage gestellt. Die lange gewohnten Kita-Strukturen, die gewohnten Erzieher, das Umfeld gibt es nicht mehr. Stattdessen gibt es neue Strukturen und Menschen, an die sie sich gewöhnen muss. Dazu kommt, dass sie zwar Freundinnen aus der Kita in der Klasse hat, aber merkt, dass diese keine echten Freundinnen sind. Am meisten an der Konkurrenz untereinander und daran, dass alle diese anderen Mädchen ein gemeinsames Hobby verbindet, neben dem es fast keinen Raum gibt. Meine Tochter fühlt sich ausgeschlossen. Die bekannten Gesichter bieten keine Sicherheit.

Dazu kommt dann die Sache mit dem Lesen. Das Gefühl, nicht mithalten zu können, nicht schlau zu sein. Was so sehr ihrem Ehrgeiz und ihrer Selbstwahrnehmung widerspricht. Bisher haben ihr immer alle gesagt, dass sie schlau ist. Und das sagen wir auch weiterhin. Weil die Schwierigkeiten beim Lesen lernen eben so rein gar nichts mit Intelligenz zu tun haben. Aber auch wenn sie uns das glaubt, ja weiß, eigentlich, dann macht sie das Thema unsicher. Alles macht sie unsicher. Solche Unsicherheiten kennt sie nicht. Deswegen klammert sie sich an alles, was ihr Sicherheit gibt. Das sind vor allem ich und der Rest der Familie. Ich denke, sie hat Angst, auch diese Sicherheit zu verlieren. Das lässt die Verlustangst wachsen.

So erkläre ich es mir. Und deswegen hoffe ich, dass die Angst schwindet, je besser meine Tochter in der Schule ankommt und Sicherheit zurück gewinnt.

Aus diesem Grund sind auch die ungeliebten Leseübungen am Ende Übungen gegen die Angst. Denn ich glaube, für meine Tochter ist lesen zu lernen ein Teil davon, zu lernen, mit der Angst umzugehen.

Was mich in diesem Glauben ein bisschen bestärkt hat, war der erste Schultag nach den Ferien gestern. „Ich durfte zweimal etwas vorlesen, Mama, und es hat geklappt“ strahlte meine Tochter.

Nachdem sie die Abende zuvor jeden Abend nach langem Weinen neben mir eingeschlafen war, ging sie gestern Abend allein in ihr eigenes Bett und schlief ein. Ohne nur einmal das Thema Angst anzusprechen.

Den Sorgenfresser nähe ich ihr trotzdem. Aber ich hoffe sehr, dass sie ihn vielleicht nicht brauchen wird.

Advertisements

8 Gedanken zu “Über Verlustangst

  1. M. Saettler schreibt:

    Du hast viele wichtige Punkte schon aufgeschrieben und dir viele interessante Gedanken gemacht. Wie du schon geschrieben hast, ist die Angst wegen der großen Veränderung eben normal. Da halte ich es für wichtig, dass die Angst auch da sein darf. Es ist nicht unbedingt notwendig, etwas gegen die Angst zu machen. Ich denke, dass mit Geborgenheit zu Hause und mehr Routine in der Schule allmählich die Neugier auf das Lernen größer wird, was dann das Lernen erleichtert. Deine Tochter hat es sehr gut, weil sie eine Mutter hat, der sie wichtig ist. Das Lesen ist schon besser geworden, es ist anzunehmen, dass auch andere Unsicherheiten langsam abnehmen.

    Gefällt 1 Person

    • May schreibt:

      Hmm… Mio mein Mio haben wir da, aber das wollte sie nach der Hälfte nicht mehr vorgelesen haben, weil es zu gruselig wurde. Ich muss es wohl selbst mal fertig lesen, um das einschätzen zu können. Danke für den Tipp!

      Gefällt mir

  2. D. schreibt:

    Dein Text hat mich sehr berührt. Weil gerade ein enger Verwandter mit 28 Jahren einen tödlichen Unfall hatte und ich nur noch darüber nachdenken kann, ob für seine Eltern ein Leben ohne ihr Kind möglich ist. Deine Worte haben mich getröstet, denn auch er war ein sehr geliebtes Kind. Und: mich berührt auch, wie viel Du für Deine Tochter machst, wie sehr Du versuchst, ihre Angst zu lindern. Sie hat sehr viel Glück mit ihrer Mutter und Du wirst ihr Kraft für den Rest ihres Lebens geben. Das ist schön zu lesen. Vielleicht musst Du akzeptieren, dass es Grenzen dessen gibt, was Du ihr abnehmen und ersparen kannst. Aber leicht gesagt, ich weiß. Und dann bricht es einem doch das Herz.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s