Die schwangere Person entscheidet, wann sie es euch sagt. Sie hat ihre Gründe.

Sassi von liniert-kariert hat aufgeschrieben, wie es war, den positiven Schwangerschaftstest in der Hand zu halten. Ihre Geschichte war so schön, dass sie mir Tränen in die Augen getrieben hat. Vor Glück.

Meine ist nicht ganz so schön. Aber ich erzähle sie trotzdem. Weil mir ein anderer Aspekt daran wichtig ist. Der in der Überschrift.

Ich habe darüber nachgedacht, ob es der richtige Zeitpunkt ist, schwanger zu werden, als ich nach drei Jahren befristeter Arbeitsverträge meinen ersten unbefristeten Vertrag bekommen habe. Ich war 27, glücklich mit meinem Partner, von dem ich überzeugt war, „Der ist es“ und ich wusste schon immer, dass ich Kinder will. Dass mir das wichtig ist. Dass es aber eben auch schwer sein kann. Dass man mehr Alternativen hat, wenn es nicht klappen sollte, je jünger man ist.

Also setzte ich die Pille ab. Mein Zyklus pendelte sich nicht gleich ein. Nach 8 Wochen ohne Periode dachte ich: „so schnell kann das doch nicht gehen“. Aber eben auch „Oder?“ und merkte, wie ein kleines bisschen Hoffnung aufkeimte. Na und dann stand auch dieser 30. Geburtstag einer Freundin an, es würde viel Alkohol geben, da wäre es ja schon besser, vorher einen Test zu machen. Also kaufte ich mir einen Schwangerschaftstest in der Drogerie, ging aufgeregt nach Hause, macht den Test und… Negativ. Ich war traurig. Aber nicht sehr. Es wäre wirklich schnell gewesen.

Dann kamen die Blutungen doch. Sehr unregelmäßig, aber gelegentlich. Braucht halt eine Weile, um sich einzuspielen, der Zyklus. Ich hatte vorher schließlich 10 Jahre die Pille genommen. Kein Wunder, dass der Körper da durcheinander ist. Auch andere körperliche Veränderungen lagen sicher daran. Die schmerzenden Brustwarzen zum Beispiel, wenn es kalt war. Und gleichzeitig war da irgendwo im Hinterkopf trotzdem die Hoffnung: Vielleicht bin ich ja doch schwanger? Aber sowas wie Übelkeit oder wovon man sonst so hört, hatte ich gar nicht. Also die Hoffnung runterschlucken. Der Test war negativ.

Dann bekam ich das Job-Angebot. Mein Chef hatte angekündigt. Ich sollte die Abteilung übernehmen. Ich freute mich. Aber bedauerte auch ein wenig, dass wir unsere Baby-Pläne dann wohl aufschieben mussten.

Ich fing wieder an die Pille zu nehmen. Machte sicherheitshalber noch einen Schwangerschaftstest. Wieder negativ. Obwohl ich mich auf den neuen Job freute, überwog auch diesmal das Gefühl der Traurigkeit.

Die Verhandlungen für die Konditionen des neuen Jobs zogen sich hin. Ich arbeitete weiter. Ich kämpfte mit den Hormonen, Pille absetzen und wieder nehmen, irgendwie war alles durcheinander. Blutungen unregelmäßig, ich nahm zu. Versuchte mich sehr gesund zu ernähren, passte dennoch nicht mehr in meine Hosen und ärgerte mich.

Ich erinnere mich an diesen Moment, ein Besuch auf einem Wochenmarkt, ich kaufte einen kleinen Strauß Maiglöckchen bei einer sehr alten Frau. „Danke. Und alles Gute für das Kleine“ sagte sie. Der Tag war für mich gelaufen. So dick war ich nun auch nicht! Und wenn die wüsste, dass ich mir eigentlich ein Kind wünschte, aber es jetzt nicht dazu kommen sollte. Es fühlte sich plötzlich alles so doof an. Die Maiglöckchen konnte ich nicht ohne Bedauern ansehen.

Ein paar Tage später war ich beruflich mit einem Kollegen unterwegs. Ich musste viel stehen, hatte Kopfschmerzen. Irgendwann merkte ich, wie mir schwummerig wurde, schwarz vor Augen. „Das hatte ich noch nie“ war mein letzter Gedanke – und danach merkte ich, wie mir Leute aufhalfen. Was los sei. Ob ich schwanger sei. „Nein“, sagte ich. Mein Kollege aber machte den ganzen Tag Andeutungen. Der Tag war schwer zu überstehen. Auf dem Weg nach Hause holte ich mir in der Apotheke Kopfschmerztabletten und einen Schwangerschaftstest „Aber nicht nehmen, wenn sie schwanger sein sollten“, sagte die Apothekerin. „OK, aber das bin ich wohl eher nicht“, sagte ich.

Obwohl so viel dafür sprach. Aber auch so viel dagegen. Ich nahm seit 2 Monaten wieder die Pille. Ich hatte Blutungen. Ich hatte davor zwei negative Tests. Wenn überhaupt, wenn meine Gewichtszunahme irgendetwas bedeuten würde, dann müsste ich schon ziemlich lange schwanger sein. Und die Tests falsch. Ausgeschlossen.

Mit diesem Gefühl machte ich zu Hause den Test. Mit einer diffusen Verwirrung, einer Mischung aus „Kann nicht sein“ und „Kann unmöglich anders sein“. Und dann: Zwei Striche. Positiv. POSITIV!

Ich freute mich. Wirklich. Aber nicht so, wie ich mir das immer ausgemalt hatte. Ich dachte auch an die neue Stelle, den Vertrag, den ich noch nicht bekommen hatte, die Gerüchte, die es auf der Arbeit gegeben hatte und weiter geben würde. Diesen blöden 30. Geburtstag, an dem ich nicht viel trinken wollte aber dann immer wieder die Freundin da stand: „Auf mich!“

Zu allem Überfluss eine SMS vom Kollegen „Geht es dir gut? Meine Frau sagt Herzlichen Glückwunsch“. So oder so ähnlich war der Wortlaut. Er bekam eine wütende SMS zurück. Wütend, weil ich es übergriffig fand. Wütend, weil ich erstmal selbst mit der Situation zu Recht kommen wollte. Wütend, weil ich erst mit einem Arzt sprechen wollte, bevor ich mit meinen Kollegen spreche. Wütend, weil ich wusste, er würde es nicht für sich behalten. Ich machte einen Termin beim Arzt. Ich überlegte, wie ich es meinem Freund sagen sollte, wenn er nach Hause kommen würde.

Als er kam, erzählte ich ihm vom Tag. Von der Ohnmacht. Von dem Verdacht. Von dem Test. „Er war positiv“. Mein Freund konnte es erst nicht glauben. Dann freute er sich. Das war schön.

Ich fieberte dem Arzttermin entgegen. Ich wollte die Bestätigung. Ich wollte wissen, wie weit ich war, wenn es stimmen sollte. Ich wollte wissen, ob alles gut ist, nicht nur eine Eileiterschwangerschaft oder was auch immer da alles schief gehen kann. Ich dachte voller Angst an diesen 30. Geburtstag zurück, mit dem vielen Alkohol. War ich da schon schwanger gewesen? Hatte ich dem Kind vielleicht geschadet? War es gesund?

Am Tag, als ich den Termin hatte, bekam ich morgens auf der Arbeit meinen unterschriebenen Arbeitsvertrag. Für die leitende Position. Mir wurde etwas übel bei dem Gedanken, wie es wirken würde, wenn ich einen Tag später meine Schwangerschaft verkünden würde. Aber ich konnte es nicht ändern.

An die Ärztin erinnere ich mich mit einer Mischung aus Belustigung und Ärger zurück. Sie war so fassungslos. „Ja, sie sind schwanger“ sagte sie, und als sie den Ultraschall machte, da war da keine Bohne in meinem Bauch, kein pochender Punkt, wie man es oft hört oder sieht. Da war ein Baby. Ein ganzes, vollständiges Baby, das mit den Armen fuchtelte. „20. Woche“, sagte sie und vergaß vor Staunen darüber, mir anzubieten, mir ein Bild vom Ultraschall mitzugeben. Es gibt kein solches Bild. von meinem ersten Kind. Beim zweiten Utraschall war es schon zu groß, um ganz aufs Bild zu passen. „Es sieht alles gut aus. Ich kann schon das Geschlecht sehen, wollen Sie es wissen?“. Wollte ich nicht. Weil ich mich nicht mit dieser Frage beschäftigt hatte. Weil ich wollte, dass mein Freund dann dabei ist.

Dass Blutungen manchmal normal seien, sagte die Ärztin auch. Und dass Schwangerschaftstests falsch negativ sein können. Ich hätte aber Glück gehabt, dass der 3. Test positiv war, denn gerade in einem so fortgeschrittenen Stadium seien die oft falsch negativ. Aha. So ein Glück.

Aber ja, jetzt fühlte ich das Glück. Trotz der Angst, es auf der Arbeit sagen zu müssen. Trotzdem ich wusste, alle würden denken, ich hätte es absichtlich so lange nicht gesagt, um den Vertrag zu bekommen, trotzdem ich keine Zeit hatte, mich an den Gedanken zu gewöhnen, bevor es alle anderen wussten: Ich freute mich. Sehr. Ich hatte mein Baby gesehen. Es hatte mir zugewinkt. Es sah gesund aus, sagte die Ärztin. „Hallo Baby, schön, dass du doch da bist.“

Und dennoch: Ich hätte mir Zeit gewünscht. Ein paar Tage wenigstens, in denen nur ich und mein Freund es sicher gewusst hätten. Zeit für uns, um das Baby willkommen zu heißen, in Gedanken. Mein Chef war später sauer, mein Kollege war sauer, sogar mein Vater, weil ich es erst so spät gesagt hatte.

Dabei hatte ich es gesagt, sobald es mir die Ärztin bestätigt hatte. Früher ging nicht. Aber entweder es verstand keiner oder es glaubte keiner.

Ich erklärte es immer wieder. Aber ehrlich gesagt will man auch nicht mit jedem darüber reden, wie viele Tests man gemacht hat, wie man wann was geplant hat, welche Blutungen man hatte und warum man irgendwann nicht mehr glaubt, schwanger zu sein, auch wenn einiges darauf deutet, weil man sich keine unnötigen Hoffnungen machen will.

Das sind alles, sehr, sehr persönliche Fragen. Niemand kann erwarten, dass man diese bereitwillig diskutiert.

Was ich also sagen will, mit diesem Text: Jede schwangere Person hat eigene Gründe, die beeinflussen, ob und wann sie von ihrer Schwangerschaft berichtet. Das können andere sein als meine, wenn es eine Risikoschwangerschaft ist zum Beispiel. Wenn ein Testergebnis abzuwarten ist. Wenn sie Zeit braucht, sich an den Gedanken zu gewöhnen.

Egal was es ist: Wann sie es erzählt, ist immer ihre Sache. Immer. Kein Außenstehender hat ein Recht darauf, es zu erfahren, so lange sie es nicht erzählen will. Und niemand, wirklich niemand sollte es ihr übel nehmen, wenn das (in seinen Augen) spät ist. Weil man fast nie die Geschichte dahinter kennt.

Jetzt kennt ihr meine.

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3 Gedanken zu “Die schwangere Person entscheidet, wann sie es euch sagt. Sie hat ihre Gründe.

  1. Helga Nase schreibt:

    Ich habe meine Schwangerschaft in der 13. Woche nach der unauffälligen Nackenfaltenmessung gemeldet. Fortan wurde ich von meinem Chef links liegen gelassen und hab kaum mehr was zu tun bekommen. Dieses Verhalten hat das vorher sehr gute Verhältnis zu meinem Vorgesetzten massiv beeinträchtigt. In anderen Worten: Der kann mich mal.

    Gefällt 1 Person

    • May schreibt:

      Das tut mir leid für dich! Ja, leider ist es so, dass Schwangerschaft für viele Arbeitgeber immer noch etwas Negatives ist und sie einen das auch spüren lassen.

      Ich habe meine leitende Position, für die ich gerade den Vertrag bekommen hatte, auch nur kurz ausüben dürfen. Nach der Elternzeit habe ich den Job nicht wiederbekommen.

      Positiv gesehen kann ich allerdings sagen: Ich war eine der ersten Schwangeren in einem relativ jungen Unternehmen. Seitdem hat sich einiges gebessert. Das hoffe ich auch für dich!

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