Über einen schwierigen Schulstart – Teil III

Meine Tochter weint nicht mehr beim Einschlafen. Sie wütet nicht mehr morgens beim Anziehen. Sie verweigert sich nicht mehr dem Üben. Sie liest sehr viel besser. Manchmal braucht sie noch Hilfe, bei langen Wörtern oder wenn sie Buchstaben verwechselt oder noch nicht kennt, aber inzwischen kennt sie auch fast alle Buchstaben, die sie in der Schule noch nicht hatten. Und die meisten (einfachen) Wörter liest sie ohne Hilfe. Das ist gut, finde ich. Eigentlich so gut, wie ich es mir gewünscht hatte.

Ich hatte ja wirklich gehofft, jetzt, nach einem halben Jahr Schule, wäre das vorbei mit den Schwierigkeiten. Es sieht ein bisschen so aus. Nur noch nicht ganz.

Das Entwicklungsgespräch

Diese Woche hatte ich das Entwicklungsgespräch in der Schule mit der Klassenlehrerin. Das erste Mal ein richtiges Gespräch allein mit ihr. Ich hoffte sehr, dass die Lehrerin die positive Entwicklung auch sieht und der Abstand zu den anderen aufgeholt ist, der Druck für meine Tochter kleiner.

Das Gespräch war wie die Situation an sich. Gut. Aber nicht ganz. Ja, sie sieht die Entwicklung. Ja, sie freut sich, dass meine Tochter sich jetzt auch beim Lesen oft meldet. Ja, sie nimmt sie dann dran.

Aber in den Tests schneidet sie leider ganz schlecht ab. Dann zeigt sie mir Diktate, in denen die Kinder Wörter aufschreiben sollten, die die Lehrerin ihnen sagte. Bei meiner Tochter sind ein paar einzelne Buchstaben  auf der fast leeren Seite zu finden. Versuche. Dazwischen ein richtiges Wort: Mama. „Da ist sie dann so unter Druck und dann kann sie es nicht“, erklärt mir die Lehrerin. Und dass dann aber der Sonderpädagoge es nochmal einzeln mit ihr gemacht hat. Sie blättert die Seite um: Da stehen sie, die Wörter. Richtige Wörter. Ein „prima“ dahinter. „In Einzelsituationen, ohne Druck, da kann sie es!“, sagt die Lehrerin. Dann erzählt sie mir vom „Tempo-Test“ und dass meine Tochter auch dort sehr schlecht abgeschnitten hat. Dass sie die ganze Zeit weinte. Und es dennoch versuchte.

Es tut so weh, das zu hören. Nicht, weil meine Tochter schlecht abgeschnitten hat. Sondern, weil sie in der Schule weint, weil der Druck so hoch ist. In der 1. Klasse. Es freut mich, dass die Lehrerin sich neben sie gesetzt hat und sie getröstet hat, dass meine Tochter sich inzwischen von ihr trösten lässt, denn das ging am Ende wohl auch nicht, dass der zweite Test direkt im Anschluss dann sehr viel besser war. Aber nur ein bisschen.

Der Leistungsdruck

Die Traurigkeit über den Leistungsdruck überwiegt. Warum machen sie Diktate und Tempo-Tests in der ersten Klasse?

Ich weiß, dass es nicht die Idee der Lehrerin war. Ich weiß es, nicht weil ich die Lehrerin gefragt habe, sondern weil mich eine andere Mutter auf das Ergebnis meiner Tochter ansprach, um es mit dem ihrer Tochter zu vergleichen. Mit dem sie nicht zufrieden war, weil ein anderes Kind aus einer anderen Klasse sehr viel besser war. Aber ich merkte der Mutter an, dass ihre Erleichterung, dass meine Tochter noch schlechter war, groß war. Und ich ärgerte mich. Da lassen wir in der 1. Klasse die Noten weg, um dann Tests zu schreiben, die in allen Klassen gleich sind – und damit die Kinder untereinander zu vergleichen. Es wundert mich nicht, dass meine Tochter davon unter Druck gesetzt wird. Aber es macht mich traurig. Warum muss sie in der ersten Klasse schon Druck spüren, Angst vor Tests entwickeln, Angst zu versagen?

Die Lehrerin sagt, sie hätte erklärt, dass die Tests vor allem dafür da sind, zu gucken, wie sich ein Kind im Laufe des Schuljahres entwickelt. Dass die Kurve bei meiner Tochter ganz sicher nach oben zeigen wird. Dass das doch super sei. Ich mag die Lehrerin. Aber die Tests mag ich trotzdem nicht. Was, wenn meine Tochter hier Prüfungsangst entwickelt? Wenn sie deswegen keinen Spaß an der Schule hat?

Üben, üben, üben

Die Lehrerin empfiehlt, weiter zu üben. Sie empfiehlt mir Bücher, die ich kaufen „könnte“, um zu Hause weiter zu lernen und, es jeden Tag 5 bis 10 Minuten zu tun. „Aber wenns mal einen Tag nicht geht, ist das nicht schlimm, dann würde ich es lassen.“ Gut, ich nämlich auch.

Was hilft, beim Lernen, sind Punkte, die meine Tochter dafür sammeln kann. 5 Minuten oder 10 Minuten lesen gibt eine Unterschrift von mir. Wenn ein Zettel mit 7 Unterschriften voll ist, gibt es einen Punkt auf dem Poster in der Klasse. Meine Tochter motiviert das sehr. Sie liest jetzt wirklich fast jeden Tag diese 5 Minuten. Das erleichtert mich, weil wir weniger darüber diskutieren und ich sie weniger antreiben muss. Gleichzeitig finde ich es irgendwie doof, weil ich mir so sehr wünschen würde, dass sie gern liest, von sich aus, nicht für Punkte auf einem Poster, nicht um dort besser zu sein als andere.

Auf der anderen Seite: Wenn ihr das Punkte sammeln Selbstbewusstsein gibt, wenn es funktioniert, wenn sie dadurch besser liest, was hoffentlich dazu führt, dass es ihr auch Spaß macht, dann ist es vielleicht der richtige Weg. Auch wenn ich ihn von mir aus nie gegangen wäre.

Im Gespräch frage ich noch, ob wir diese Leseübungen nach wie vor zusätzlich zu den normalen Hausaufgaben machen müssen. Das müssen wir nicht. Alles zählt. Und das erleichtert mich auch. Es bleibt bei den 5 Minuten. Das ist überschaubar. Das bekommen wir hin. Auch wenn es uns manchmal schwer fällt. Und ich manchmal noch immer stundenlang fragen muss, um dann 5 Minuten zu lesen. Aber das ist selten, inzwischen.

Wie es meiner Tochter geht

Nach dem Gespräch hole ich meine Tochter ab. Ich erzähle ihr von dem Gespräch, sage ihr, wie stolz ich auf sie bin, wie toll sie sich entwickelt hat. Dass auch die Lehrerin das gesagt hat. Wie nett und hilfsbereit und gut in Mathe sie ist. (Hat sie wirklich gesagt, in zwei Nebensätzen). Und auch, dass diese Prüfungen wirklich nicht wichtig sind, dass es egal ist, wie sie darin abschneidet. Erkläre ihr noch einmal, warum die Lehrerin das macht. Und dann machen wir uns einen schönen Nachmittag. Weil sie sich den verdient hat, fürs Anstrengen. Einfach so. Weil sie toll ist.

Abends liegen wir aneinander gekuschelt in ihrem Bett. Gegenüber steht das Bücherregal. „Kannst du die Namen der Spiele lesen?“, frage ich. „Lotti Karotti“ liest sie vor, fehlerfrei. „Schweine Schwarte“ und „TipToi Reiterhof“ genauso. Und ich finde, dass das nach einem halben Jahr Schule für ein Kind, was vorher gar nicht lesen konnte, eigentlich sehr viel ist. „Was ist Schwarte?“, fragt sie dann. Und lesen zu können, was man nicht einmal kennt, das ist doch gut.

Und ja, deswegen ist eigentlich alles gut. Weil sie lesen kann. Weil es viel besser klappt, als noch vor ein paar Wochen. Auch weil ich inzwischen das Gefühl habe, dass sie doch ganz gern zur Schule geht. Manchmal zieht sie mich regelrecht zur Schule, um nicht zu spät zu kommen. Dabei sind wir immer mindestens 10 Minuten vor Schulbeginn dort. „Ich will nicht zur Schule“, das habe ich ganz lange nicht gehört.

Also eigentlich, ja eigentlich, ist alles gut.

Das dumpfe Gefühl

Und trotzdem bleibt das dumpfe Gefühl des Unbehagens. Dass hier etwas falsch läuft. Dass der Druck zu groß ist.

Der Gedanke an die anderen Kinder und die anderen Eltern. Die ihren Erstklässlern nicht sagen, dass es egal ist, wie sie in den Prüfungen abschneiden.

Ich denke an die andere Mutter, die nach ihrem Entwicklungsgespräch zu mir sagte: „Ich fand das Gespräch schlecht. Die Lehrerin hat nur gesagt, dass bei meiner Tochter alles gut ist. Aber ich konnte nicht erkennen, ob sie auf einer  1 oder einer 3 steht.“

Ich habe sie fassungslos angestarrt und gesagt: „Es ist doch gut, wenn alles gut ist!“

Was ich nicht gesagt, aber gedacht habe: Ich würde mich freuen, wenn alles gut ist. Und es ist egal, ob mein Kind in der ersten Klasse auf einer 1 oder einer 3 steht. Weil es jetzt noch keine Rolle spielt. Deswegen gibt es doch jetzt noch keine Noten.

Und das, das ist meine Aufgabe. Es zu sagen. Immer wieder und immer deutlicher. Dass eine Sache viel wichtiger ist, als die Note: Dass der Druck nicht richtig ist.

Im nächsten Gespräch mit dieser Mutter habe ich es getan. Als sie die Testergebnisse verglich, war meine Antwort: „Ich finde es nicht richtig, dass die Kinder diesen Druck überhaupt schon haben.“

„Stimmt“, sagte sie. Und überraschte mich damit.

Es ist ein Anfang.

 

Ein schwieriger Schulstart Teil 1

Ein schwieriger Schulstart Teil 2

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5 Gedanken zu “Über einen schwierigen Schulstart – Teil III

  1. Andrea schreibt:

    Ich bin schockiert. Von dem Leistungsdruck und den Anforderungen, die Du beschreibst. Das kann, auch im staatlichen System nicht die Regel sein.
    1. Ein Kind muss nicht, auch nicht ein wenig, schreiben können, wenn es in die Schule kommt. Das lernt es in der Schule.
    2. Kein Kind muss nach dem 1. Halbjahr fließend lesen oder schreiben, das Lesen ist, so wie ich es verstehe ein Lernziel der 1. Klasse. Auch in staatlichen Schulen.
    3. Mein Großer konnte zur Einschulung gerade seinen Namen schreiben. Jetzt geht er in die dritte Klasse einer freien Schule und kann perfekt Lesen, noch nicht ganz perfekt schreiben und auch altersgerecht rechnen. Vom Allgemeinwissen ganz zu schweigen. Und das alles ohne Druck, ohne Zensuren, ohne zusätzliches Üben. Und er geht jeden Tag gern in die Schule.
    4. Dein Kind hat riesige Fortschritte in einem schwierigen Umfeld gemacht und damit seine Begabung gezeigt. Aus dem was Du beschreibst kann ich nicht sehen, warum es die Arbeit mit einem Sonderpädagogen braucht. Es muss die Lust am Lernen behalten, das ist das wichtigste.
    5. Zeittests? In der 1. Klasse sind mir absolut unverständlich.
    6. Dieses öffentliche Belohnungssystem würde ich kritisch thematisieren. Aber da haben andere Lehrer mit anderen pädagogische Ansatz sicher bessere Argumente.

    Ich wünsche Dir die Kraft los zu lassen und Dein Kind ohne Stress zu begleiten. Ich weiß, es ist leicht gesagt, aber lass die anderen reden.

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    • May schreibt:

      Vielen Dank für deinen Kommentar!

      Es ist erleichternd für mich zu sehen, dass nicht nur ich diesen Druck als falsch empfinde. Und den Lernfortschritt meiner Tochter als normal und richtig.

      Zum Thema „öffentliche Belohnungen“: Wenn das hier jemand liest, der sich mit dem Thema schonmal beschäftigt hat – habt ihr Links zu Artikeln o.ä. für mich, die sich damit beschäftigen? Bei mir ist es eher ein Bauchgefühl, dass ich dagegen bin. Wirklich gut begründen kann ich es nicht. Ich mag den Wettbewerbsgedanken daran nicht, den Leistungsgedanken. Aber „nicht mögen“ und „nicht sinnvoll“ sind eben zwei Paar Schuhe. Meiner Tochter hilft es ja eigentlich, in diesem Moment. Aber ich frage mich halt auch: Was machen die Kinder, deren Eltern sich nicht jeden Tag mit ihrem Kind hinsetzen, um zu lernen: Sind die dann von Anfang an abgehängt?

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      • naimoe schreibt:

        Letztlich kann es doch nur eine_n Sieger_in geben bei so einem Wettbewerb. Alle anderen sind irgendwie Verlierer_innen. Und es mag Kinder geben, die Verlieren anspornt- ich persönlich kenne aber viel mehr, die so etwas langfristig demotiviert. Nach meinem Empfinden demotiviert mensch mit so etwas also die meisten Kinder. Das ist vielleicht nicht das, was die Lehrkraft zuerst will, aber worum es bei Wettbewerben geht. Ginge es um die individuelle Entwicklung des Kindes, würde ich den öffentlichen Vergleich mit anderen unbedingt vermeiden.

        Daneben sind solche Vergleiche meiner Erfahrung nach auch oft Anlass, Gewinner_innen und Verlierer_innen besonders herauszustellen. Das finde ich auch beides schlimm.

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  2. Landfamilie schreibt:

    Das ist unfassbar. Wo soll diese Schule sein? Was sind das für Leute? Glaub es oder nicht: Hier bei uns im Schwarzwald halten manche Eltern ihre Kindergartenkinder vom selbstständigen Lesenlernen sogar ab: „Sonst wird es für dich in der Schule langweilig“. Die Lehrerin prophezeite beim 1. Elternabend im Herbst, zum Halbjahr werden alle Kinder lesen können. Zu dem Zeitpunkt konnte ich mir das überhaupt nicht vorstellen. Aber die 6 Monate haben anscheinend wirklich für alle gereicht. Wer schon früher soweit war, bekam Zusatzaufgaben, aber damit wären die Eltern dieser Kinder niemals hausieren gegangen. Weil sich das nicht gehört! Keine Manieren! *kopfschüttelnd ab*

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    • May schreibt:

      Die Schule ist im Speckgürtel von Berlin, in einem typischen Vorort. Vielleicht ist das ein Teil des Problems: Dass hier vor allem Menschen wohnen, die sich ein Haus gekauft haben, dafür viel gearbeitet, denen Leistung wichtig ist. Die Schule brüstet sich auch damit, in Tests immer besonders gut abzuschneiden, was ich auch als Teil des Problems sehe. Auch der Direktor misst seinen eigenen Erfolg eben vor allem in der Leistung der Kinder, nicht darin, ob sie gern zur Schule gehen.

      Ich hatte erst gestern wieder ein Gespräch mit einer Mutter aus dem Ort, die sich darüber aufregte, dass beschlossen wurde, in der 3. Klasse die Halbjahreszeugnisse wegzulassen.

      Der Druck ist hier von vielen Seiten gewollt.

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