Über taktile Überempfindlichkeit bei Kindern (Anziehsachen, Wut und Tränen)

Was ist das Beste am Sommer?

Schwimmen, Eis, Meer, Hängematte?

Für uns ist es die Wärme, die nicht viele Anziehsachen braucht. Dünne Stoffe, Sandalen, fast nichts. Zwischen Mai und September gibt es bei uns in der Familie fast keinen Stress und Streit.

Im Herbst dafür umso mehr. Wenn es kalt wird und es Socken braucht. Hosen. Feste Schuhe. Die ersten kälteren Tage sind furchtbar, weil es nie so viel Streit gibt, wie hier.

Meine Tochter ist empfindlich, sensibel. Hypersensibel? Ich würde sagen, nein. Ich habe das aber auch nie untersuchen lassen, weil ich Angst habe, es zu pathologisieren, befürchte, dass es das Ganze eher noch schlimmer machen würde. Sie ist ja nur empfindlich in Bezug auf Anziehsachen, „taktile Überempfindlichkeit“ ist das Schlagwort, unter dem man auch andere Betroffene findet. Da das gar nicht so wenige Kinder sind, denke ich nicht, dass es hier etwas zu therapieren gibt, sondern es gilt, Wege zu finden, damit umzugehen.

Was heißt „empfindlich“?

Alles, was das Kind spüren lässt, dass die Anziehsachen da sind, ist unangenehm. Knötchen, Bündchen, Kratzen, Enge, auch Weite (weil die Sachen dann rutschen), zu steife Bilder, Nähte, alles. Und wenn ich so drüber nachdenke, finde ich das eigentlich gar nicht weiter ungewöhnlich. Das Kind will leben, rennen, spielen, lernen und dabei nicht an seine Anziehsachen denken. Soweit, so OK. Schwierig ist es halt, das umzusetzen. Vor allem im Herbst.

Meine Tochter hat einen wirklich vollen Kleiderschrank mit vielen tollen Sachen, von allem mindestens 10-20 Stück. Anziehen tut sie davon nur einen Bruchteil. Obwohl sie das meiste selbst mit ausgesucht, anprobiert und für gut befunden hat. Dass etwas beim Anprobieren gut ist, heißt aber nicht, dass es später auch noch gut ist. Vielleicht hat sie in der Umkleidekabine nicht gemerkt, dass ein Bündchen doch zu eng ist oder was auch immer.

Ich habe jetzt ein Dreivierteljahr beobachtet und aufgeschrieben, wie die Situation jeweils war.

Herbst

Die Schule hat angefangen und ist anstrengend. Die Sache mit den Anziehsachen macht es zusätzlich anstrengend.

Wir legen abends immer Sachen raus, aber manchmal findet sie abends schon nichts und will dann einfach nicht mehr diskutieren und sagt zu irgendetwas „ja“.

Dann ist es 06.45 Uhr, ich wecke meine Tochter. Die steht aber nicht auf sondern weint nur. Ich frage, was los ist und bekomme die Antwort: „Ich will mich nicht Anziehen“. Dann versuche ich sie 10-15 Minuten zu überreden, bevor ich ungeduldig werde und lauter. Irgendwann zieht sie sich an, unter großen Geheule und Geschrei und mich mehrfachem An- und Wiederausziehen. Die Leggins lassen wir dabei oft weg. Die wandert in den Schulranzen und sie geht im Sommerrock zur Schule. Wenn ich sie abhole, trägt sie die Leggins dann. Was dazwischen passiert? Sie sagt, sie zieht sie in der Pause an.

Im Winter

Ohne Leggins das Haus verlassen geht nicht mehr. Macht das Kind auch nicht mehr. Weiterhin trägt sie aber abwechselnd ihre zwei Sommerröcke darüber. Einen Versuch hatte ich noch unternommen, das Kind im Laden einen schönen dicken Wollrock aussuchen lassen. Sie hat ihn gleich angezogen, zu Hause stolz dem Papa gezeigt. Und seitdem nie wieder getragen. „Der ist zu warm“ sagt sie und ich habe inzwischen aufgegeben, zu diskutieren. Einen wunderschönen Jerseyrock, mit extrabreitem, bequemem Bund, den eine Bekannte für sie genäht hat, hat sie nicht einmal anprobiert. Wir haben ihn dann direkt weiterverschenkt. Weil er zu schade für den Kleiderschrank gewesen wäre. Also abwechselnd die beiden Sommerröcke. Und eine Leggins und eine Strumpfhose. Beides darf sie jeweils zwei Tage hintereinander anziehen, dann wird gewaschen (und oft über Nacht auf der Heizung getrocknet, wenn dann doch beides gleichzeitig schmutzig ist).

Das Ritual morgens hat sich gebessert. Sie legt sich abends wirklich Sachen raus, die sie dann morgens auch anzieht. Ohne großen Konflikt. Heulen und Schreien tut sie dabei immer noch. Aber ich muss mich nicht einmischen. Nur warten, bis sie fertig ist, manchmal ein wutverzerrtes „Wo sind meine Socken“ aushalten und sie manchmal fest drücken. Nach einer Viertelstunde ist sie dann aber fast immer angezogen. Geholfen hat vielleicht auch, dass ich nicht mehr sage „Du musst“, sondern „wenn du es nicht schaffst, bis ich gehen muss, ist das OK. Dann gehst du selbst zur Schule oder dein Papa und Bruder bringen dich“. Das will sie nicht. Also strengt sie sich an, damit sie mit mir mitgehen kann.

Im Frühling

Im Frühling sollte es besser werden, hätte ich gedacht. Tatsächlich wurde es erstmal schlimmer. Was nicht an den Temperaturen, sondern an einem Wachstumsschub lag.

Plötzlich passten die Lieblingssachen nicht mehr, neue mussten her. Bei der Leggins haben wir (nach vielen Anproben) eine selbst nähen lassen, 5 vom gleichen Modell bei H&M gekauft, und dann nochmal zwei nachnähen lassen. Sie trägt jetzt genau eine der 5 H&M Leggins. Eine zweite, wenn es unbedingt sein muss. Die selbstgenähten Leggins gar nicht. Ein selbstgenähter Rock geht zum Glück. Zwei alte Basic Oberteile von H&M auch noch, die neu dazu gekauften (gleichen!) aber leider nicht. Es ist eben nicht nur das Modell, sondern auch das „bequem ausgeleierte“ was eine Rolle spielt.

Aber nach einigen Wochen mit viel Drama und Tränen (am Wochenende teilweise 2-3 Stunden), abgesagten Oma-Besuchen, weil das Kind sich nicht anziehen wollte, haben wir den schlimmsten Teil jetzt überstanden. Sie hat wieder ein paar Lieblingssachen.

Und der Sommer kommt.

Was (nicht) half

Ich habe wirklich schon einiges ausprobiert – da ich, seit ich unsere Anziehprobleme bei Twitter teile, manchmal angesprochen werde, ob ich Tipps habe, versuche ich zumindest mal aufzuschreiben, was wir schon versucht haben. Und wie ich es einschätze.

Meine erste Lösung war: Sachen größer kaufen. Damit sie nicht drücken. Aber zu weit, zu rutschig, zu lang, ging halt auch nicht. Deswegen habe ich das aufgegeben.

Auch aufgegeben habe ich, meiner Tochter etwas vorzuschreiben. Naja, fast. Ein paar Vorschriften gibt es schon, die sind aber deutlich weniger eng, als anfangs versucht:

Wechselrhythmus: Unterhosen werden täglich gewechselt. Alles andere (Shirts, Leggins, Strumpfhosen, Strümpfe) alle zwei Tage. Manchmal sogar nur alle drei. Das fällt dann vor allem mir schwer, weil ich drei Tage die gleichen Socken schon grenzwertig finde (für mich würde ich das eklig finden), aber so lange sie nicht dreckig aussehen oder stinken – warum nicht? Unter Umweltschutz-Aspekten ja sogar sinnvoll – versuche ich mir zu sagen.

Und bei wirklich dreckigen Sachen sieht sie zum Glück ein, dass es nicht mehr geht. Und sucht Alternativen. Meist ist die Alternative, dass ich sofort abends noch waschen muss – aber gut, das ist auch etwas, mit dem ich leben kann. Es gibt ja immer genug andere Dreckwäsche. Nur wie ich die Sachen ohne Trockner außerhalb der Heiz-Saison dann bis zum nächsten Morgen trocken bekomme, das weiß ich gerade noch nicht. Aber „außerhalb der Heizsaison“ dürfte sich auch das Problem mit den Leggins und Socken bald erledigt haben…

Dann haben wir bis zum Herbst Ruhe. Und danach?

Sie selbst fühlen lassen

Lieber in Sommersachen durch Minustemperaturen stapfen lassen, als einen Kampf zu führen, in dem wir beide nur verlieren können. Wenn es ihr zu kalt ist, zieht sie sich schon etwas anderes (mehr) an. Ich muss nur dafür sorgen, dass sie das dabei hat. Das hat wohl letztlich am Besten geholfen: Es akzeptieren. Einfach akzeptieren, dass sie so ist. Ihr ihre Wut lassen.

Auch akzeptieren, dass sie nur wenige Lieblingsteile trägt. Auch wenn es schade ist, um die liebevoll selbstgenähten Sachen, um die geschenkten Boden-Kleider, um die wunderschöne Regenbogen-Strumpfhose, von der ich so gehofft hatte, dass sie ihr gefällt: Es ist halt so. Es ist nicht wichtig. Wichtig ist, dass sie ein paar Sachen hat, die sie gern trägt.

Die Lieblingsteile sollte man nach Möglichkeit nachkaufen können. Auch wenn das kein Garant dafür ist, dass es klappt (siehe H&M Basic Oberteile), es erhöht zumindest die Wahrscheinlichkeit. Und wenn man kein Geld mehr für wunderschöne aber eher überflüssige Kleidung ausgibt, dann kann man sich auch die bevorzugten Living Crafts Unterhosen (3 Stück für 20€) leisten. Auch wenn es sich ein bisschen merkwürdig anfühlt, 40€ für Kinder-Unterhosen auszugeben. Aber die so erkaufte Ruhe ist jeden Cent wert! Die im Kleiderschrank ignorierten Anziehsachen dagegen nicht.

Was uns außerdem geholfen hat?

Reden. Ganz viel reden.

Verständnis füreinander entwickeln.

Ihrerseits dafür, dass ich morgens los muss, um meinen Zug zu bekommen und dass mich stundenlanges Weinen und Wüten anstrengt. Sie versucht inzwischen wirklich, sich zusammenzureißen.

Und ich muss Verständnis dafür haben, dass sie so ist. Dass es kein Versuch ist, Aufmerksamkeit zu bekommen (diese „Diagnose“ kommt sehr schnell und oft), sondern dass sie einfach wirklich empfindlich ist. Es hilft auch zu verstehen, wann sie es besonders ist. Und das erklärt sie mir:

Oder unser Gespräch gestern:

Heute Morgen hat sie mir vorgeschlagen, das Licht im Kinderzimmer früher anzumachen, damit sie früher wach wird und nicht mehr so müde ist.

Bei Anziehsachen, die ihr gefallen, überlegt sie inzwischen 5x hin und her, ob wir sie kaufen. „Weil es so schade ist, wenn ich sie dann nicht trage“.

Sie sucht selbst nach Lösungen. Gemeinsam finden wir die, hoffentlich.

Vor dem nächsten Herbst habe ich keine Angst.

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Ein Gedanke zu “Über taktile Überempfindlichkeit bei Kindern (Anziehsachen, Wut und Tränen)

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